26/03/2020
Papa, geht die Welt jetzt unter, ich habe Angst, werden wir jetzt alle sterben? Nein, mein Engel, die Menschheit hat schon viele Katastrophen überlebt, wir sind schlaue Wesen und werden eine Lösung finden! Beruhig dich, du brauchst jetzt wirklich keine Angst zu haben.
Das war die kurze Konversation und die Worte, die meine achtjährige Tochter vor ein paar Tagen ängstlich und voller Verzweiflung an mich richtete.
Ich bin 1974 in Ungarn, dem damals sozialistischen Staat geboren und großgeworden. Ich entstamme einer Ingenieur-Familie meine Eltern haben in verantwortungsvollen Führungspositionen gearbeitet. Trotz ihrer beruflichen Erfolge hatten wir nicht viel, nicht etwa, weil wir arm waren, sondern, weil damals wohlhabend zu sein nicht systemrelevant war. Dieses Privileg war nur einigen wenigen, parteinahen Menschen vorbehalten. Unsere Zeit damals war noch von den Werten und Tugenden geprägt, die auf dem sozialen Miteinander basierten. Im Nachhinein betrachtet, so vermute ich, war wohl unsere die letzte Generation, die das miteinander spielen ausschließlich live, in der realen und nicht in der virtuellen Welt erleben durfte.
Meine Jugend ist mit wunderschönen Erinnerungen verknüpft und ich denke gerne daran zurück, dennoch habe ich es mit der Zeit verstanden, dass unser Leben nicht wie die Zeit die Unendlichkeit besitzt, sondern begrenzt ist. Ich habe auch verstanden, dass die Erde sich immer weiter dreht und wir die Zeit weder anhalten, geschweige denn zurückdrehen können und wenn wir bestehen wollen, wir mit ihr gehen müssen.
Neue Zeiten bringen uns immer wieder neue Möglichkeiten, und so wächst jede Generation an den neu gestellten Herausforderungen der jeweiligen Zeit heran.
Die Menschheit entwickelt sich stetig weiter und bricht stets zu neuen Missionen auf, die sich selbst auferlegt hat, jedoch ohne dabei ein gemeinschaftliches Ziel zu verfolgen.
Wir vergleichen unsere Fähigkeiten des Denkens mit dem endlosen Universum und dennoch betrachten wir Konsum als Motor unseres Daseins. Wir stürzen uns in die Tiefe der religiösen Gewalt, verherrlichen Narzissten die sich auf die Interessen weniger auserwählten begrenzen oder feiern selbsternannte Visionäre, die uns immer mehr und ohne dass wir es erahnen mit den Instrumenten der digitalen Revolution versklaven und uns damit die alten Werte und Tugenden rauben.
Es scheint mir so als wollten wir es gar nicht verstehen und wahrhaben, die Tatsache, dass wir jetzt bereits die Sklaven der Instrumente der Neuzeit geworden sind, die wir fälschlicherweise auch noch als die große Erlösung betrachten und mit der Freiheit gleichsetzen. Wenn ich die Masse betrachte, dann erscheint es mir sogar so, als wollten wir es gar nicht anders haben.
Das, wofür unsere Vorfahren ihr Leben opferten, nämlich unsere Freiheit, legen wir jetzt den Ausbeutern freiwillig in die Hand. Wir versklaven uns in dem wir immer mehr abhängig von ihren selbstbedachten Ideologien und Instrumente werden.
Doch in Zeiten wie diesen, werden wir von der bitteren Wahrheit eingeholt und mit dem Schrecken der Naturgewalt geweckt. Plötzlich herrschen die Urkräfte unseres Planeten über uns und zwingen die ganze Welt zum Stillstand. Diese Mächte, die in der Menschheitsgeschichte keiner zu beherrschen wusste und jemals zu beherrschen vermag, belehren uns durch schwere Katastrophen und Verluste immer und immer wieder, dass unser Fortbestehen nur durch unser Handeln im Einklang mit unserem Planeten möglich ist und immer sein wird.
Ich glaube fest daran, dass der Schlüssel unserer Zukunft nicht in dem unaufhörlichen technischen Fortschritt liegt, sondern in der Akzeptanz und dem Verständnis für das Miteinander und vor allem voran unseres Planeten.
Es ist an der Zeit, dass wir uns endlich kollektiv die Zeit nehmen um zu reflektieren und die Entwicklungen der letzten Jahre, gar Jahrzehnte, kritisch betrachten und neu bewerten.
Wir müssen uns in jener Zeit, in dem unser Leben immer mehr durch den Ehrgeiz nach technischen Superlativen beherrscht wird, ernsthaft und entschlossen die Frage stellen: ist es uns ALLEN wirklich wert, das Fortbestehen der Menschheit und unseres Planeten gegen einen konsumbasierten Lebensstil einzutauschen? Ist uns eine virtuelle Welt wirklich mehr wert als das soziale Miteinander? Oder ein selbstfahrendes Auto wirklich mehr Wert, als ein Krankenbett? 5G als unsere Umwelt? Ein Snap oder Message als ein persönliches Gespräch? Und das traurigste Beispiel das zur Zeit leider unsere Tage beherrscht: der Verlust unserer geliebten Menschen in würdeloser Einsamkeit gegenüber mitmenschlicher Fürsorge?
Nicht die Umwelt bestraft uns, wir bestrafen uns selbst, in dem wir die Fakten verleugnen.
Es ist kein Aufruf zu einer Revolution sondern ein Anstoß über unseren eigenen Beitrag im Sinne unserer geliebten Mitmenschen und Nachfahren nachzudenken! Denn jeder einzelne von uns kann jeden Tag selbst für sich die Entscheidung treffen sein Leben und seine Gewohnheiten zu ändern, nachhaltiger zu leben und sich darauf besinnen was im Leben wirklich wichtig ist! Es ist noch nicht zu spät, wir können alles ändern, wir haben die Macht selbst darüber zu entscheiden, für welche Werte wir einstehen und leben!
Unsere gemeinsame Aufgabe ist jetzt nur, mit dem Umdenken unverzüglich zu beginnen!
…und dann nahm ich meine kleine Tochter ganz fest in den Arm, sie legte ihren kleinen Kopf auf meine Schulter, genauso wie damals als sie noch ein Baby war und ich versprach ihr mit zittriger Stimme und Tränen in den Augen, künftig alles besser zu machen und bewusster zu leben!