03/02/2022
Gestern irgendwo in Deutschland…um genau zu sein, an meinem Schreibtisch.
„Hallo, guten Tag, Ines Wo……“ ……“ Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche, aber ich bin gerade noch in einem Videocall. Können Sie später nochmal anrufen?“
„Hallo Frau Müller, mein Name ist Ines……“ „Ich muss Sie leider direkt abwürgen. Ich bin eigentlich krank und dachte, Sie seien ein Bewerber.“
Ich erfahre weder, wann der noch laufende Videocall beendet ist, noch wann mit einer Genesung und damit einhergehend mit einer Erreichbarkeit der Angerufenen zu rechnen ist.
Ich lege verwirrt auf und meine alten, konservativen Synapsen drehen völlig durch. Ich rede ihnen gut zu und nachdem sie etwas versöhnlicher geworden sind, greife ich wieder todesmutig und voll des positiven Tatendrangs zum Telefon.
Ich rufe ein renommiertes, deutsches Unternehmen an, um an unsere Zusammenarbeit der letzten Jahre anzuknüpfen. Diesmal kann nichts schiefgehen! Ich kenne den Ansprechpartner und habe seine Durchwahl. Ha! Nach einem gefühlten 3-tägigen Freizeichen, ohne dass ich den freudig erwarteten Dialog führen darf, lege ich wieder auf (sagt man das überhaupt noch so?).
Wild entschlossen und fast schon passiv aggressiv, wähle ich statt der Durchwahl die Zentrale an und äußere meinen Wunsch nach Herrn -nennen wir ihn- Müller. Man verbindet mich, mit der mir offensichtlich bekannten Nebenstelle, mit gleichem Erfolg. Nämlich gar keinem. Auf meine Frage hin, ob man denn Herrn Müller eine Nachricht von mir zukommen lassen könnte, höre ich ein völlig entgeistertes „Nee, der ist ja im Homeoffice!“. Auch wenn sich mir der kausale Zusammenhang dieser Aussage und meines Wunsches nicht ganz erschließt, beende ich dümmlich lächelnd und leise weinend diesen Call.
Ähnlich abenteuerlich trug es sich zu, als ich in den vergangenen Tagen, versuchte einen für mich neuen Ansprechpartner bei einem mir bekannten Kunden zu erreichen. Ich spare mir die Vorgeschichte mit der Durchwahl…same old story, same old song. Ich frage, inzwischen erfahrungsbedingt leicht gebeutelt etwas kleinlaut nach der Nebenstelle meines, hoffentlich baldigen Gesprächspartner und erfahre: Also nein…die Durchwahl dürfe nicht rausgegeben werden. Ah ja, ok. Ich verstehe. Überflüssig zu erwähnen, dass es auch nicht erlaubt ist, mir die E-Mail-Adresse meines, inzwischen in weite Ferne gerückten Gesprächspartners mitzuteilen.
Ich bin ja nun bisher wirklich nicht auf der Brotsuppe durchs Leben geschwommen, aber seit einigen Monaten komme ich mir vor, als hätten Außerirdische mich aus ihrem Raumschiff geschmissen und ich bin zufällig auf der Erde gelandet.
Mein Verständnis von geschäftlicher Kommunikation ist -offensichtlich aus der Urzeit stammend- ein anderes.
In einem Land vor unserer (Corona-) Zeit lief es meist so ab: „Herr/Frau…ist gerade nicht am Platz, darf ich etwas ausrichten?“ Oder: „Ich erreiche Herrn/Frau gerade nicht, darf ich Ihnen die direkte Durchwahl geben?“ Gerne auch mal: „Herr/Frau ist vermutlich gerade zu Tisch, ich schreibe eine Nachricht, dass Sie angerufen haben.“
Ich versuche mir sehr verzweifelt plausible und sinnige Erklärungen herzuleiten, was dafürsprechen könnte, eine Kommunikation unter Geschäftspartnern mit regelrechter Inbrunst zu verhindern. So leid es mir tut, da kommt kein Schiff in meinem Kopf!
Die Liste der Firmen, denen es „nicht mehr erlaubt ist“ Durchwahlen oder Emailadressen herauszugeben, wird immer länger und die Anzahl meiner vollgerotzten Taschentücher immer größer.
Wenn ich an dieser Stelle mal ungefragt ein paar Apelle, Lebensweisheiten und Empfehlungen aus meinen dreißig Jahren Vertriebserfahrung zum Besten geben darf:
o Geht nicht ans Telefon, wenn Ihr keine Zeit für Euren Gesprächspartner habt
o Gebt Euren Kunden, Lieferanten und Interessenten die Möglichkeit, Euch direkt zu erreichen.
o Nehmt Euch Zeit für ein paar persönliche Worte, auch wenn der Tag wild und abenteuerlich ist.
o Geht ruhig auch mal ans Telefon, obwohl es vorher keine Einladung zu einem Zoom- oder Teams-Call gab.
o Wenn Euch jemand per Mail oder LinkedIn fragt, ob Ihr Zeit für ein Telefonat habt, antwortet doch bitte.
o Bleibt höflich, offen und freundlich.
o Kommuniziert telefonisch, persönlich, schriftlich…aber bitte kommuniziert.
Business entsteht durch Kennenlernen und sich austauschen. Durch Vertrauen und Respekt. Durch Freundlichkeit und Empathie. Durch Humor und Lachen.
So! Die alte Frau ist fertig.