22/04/2016
Für die meisten Städter sind die Berge Sinnbild von Freiheit, von einem Urzustand der Natur, ähnlich wie der Philosoph Jean-Jacques Rousseau mit seinem «retour à la nature» proklamiert hatte. Die Alpen sind heute gleichsam Erholungsraum und Rückzugsort und verwandeln sich zusehends in einen gigantischen Vergnügungspark, der von Österreich, Slowenien, Italien und der Schweiz bis nach Frankreich reicht.
Der in Luzern lehrende Historiker Jon Mathieu hat den Versuch unternommen, eine Geschichte der Alpen zu schreiben – und der Versuch ist geglückt. Der schön bebilderte Band dringt in den Raum, die Kultur und die Geschichte der Alpen ein und umfasst die Zeit von Hannibals sagenumwobener Überquerung der Alpen (218 vor Christus) bis zur Zunahme des trans- und inneralpinen Verkehrs heute, den der Autor als «dramatisch» bezeichnet. Nach den Erschütterungen der beiden Weltkriege fand ein geradezu explosionsartiges Wirtschaftswachstum im Alpenraum statt, vor allem aufgrund des Tourismus, dessen Grundstein im 19. Jahrhundert gelegt worden war.
Dem Autor gelingt es, unerwartete und erhellende Blicke auf den mächtigen Wall zu werfen, der während Jahrhunderten den Norden vom Süden Europas getrennt hatte: So befasst sich Mathieu mit der Lebensbewältigung, dem Weg der Alpenländer zum Nationalstaat, der religiösen Kultur oder der Wahrnehmung der Alpen.
Auf der vergnüglichen und inspirierenden kulturgeschichtlichen Reise begegnet man zahlreichen Akteuren, Naturforschern, Künstlern, Ingenieuren oder Abenteurern wie dem Zürcher Gelehrten Josias Simler. 1576 verfasste er mit «De Alpibus Commentarius» die erste gesamthafte Darstellung der Alpen samt Hannibal-Feldzug, was in der Folge einen regelrechten Boom auslöste. Zur gleichen Zeit bezeichneten die Humanisten die Eidgenossenschaft als «Alpenland», bewohnt von einem «Alpenvolck». Diese Abgrenzung zum Heiligen Römischen Reich setzte sich im kollektiven Bewusstsein fest und ist heute noch fester Bestandteil der helvetischen Identität. (pi.)
Jon Mathieu: «Die Alpen», Reclam, Stuttgart 2015.
Quelle: www.influence.ch/ausgelesen/