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„DAS RATHAUS“Der große Blumenschmuck-Wettbewerb von AmtsruheAls die Stadt Amtsruhe zum Wettbewerb „Wir suchen den schöns...
16/06/2026

„DAS RATHAUS“

Der große Blumenschmuck-Wettbewerb von Amtsruhe

Als die Stadt Amtsruhe zum Wettbewerb
„Wir suchen den schönsten Blumenschmuck in der Stadt!“ aufrief, war die Begeisterung zunächst überschaubar.
Im Rathaus hatte man jahrelang erfolgreich bewiesen, dass man auch ohne Blumen auskommen konnte.
Die einzigen Gewächse, die dort zuverlässig gediehen, waren Aktenberge und Zuständigkeitsfragen.

Früher vor vielen Jahren, als noch sozialistische Maßstäbe galten, hatte Amtsruhe die wohl größte Dahlien-Ausstellung als Außenstandort der Internationalen Gartenausstellung Erfurt (IGA, heute EGA).
Da kamen Besucher aus nah und fern nach Amtsruhe, um tausende Dahlien zu bewundern.

Nachdem der Sozialismus vertrieben war, entschieden die wichtigen Stadtpolitiker, dass diese sozialistische Dahlien-Ausstellung auf den Müllhaufen der Geschichte gehört. Die Dahlien wurden entfernt und der Stadtpark wurde wieder zum Schlosspark und das auch gestalterisch,
Und die Fürsten und neuen Herren nach 1990 mochten nun mal keine Blumen, Dahlien schon gar nicht.
Seit einigen Jahren gibt es zwar wieder ein Dahlienfest, allerdings meist ohne Dahlien.

Heute gibt es weniger Blumen, dafür aber deutlich mehr Formulare.
Die Dahlien blühen heute nur von Juli bis Oktober in einigen Kübeln aber nicht mehr im Stadtpark, der wieder Schlosspark heißt. Die Zuständigkeiten in der Stadtpolitik hingegen blühen im Rathaus das ganze Jahr über.

Und es gibt auch wieder einen weiteren Wettbewerb, neben der geheimen Bestimmung des Amtsruher des Jahres und dem Almosenwettbewerb „3 mal 5.000 EUR für irgend etwas, das dem Bürgermeister erfreut“, nämlich den Blumenschmuckwettbewerb.

„Naturnah gestaltete Vorgärten, begrünte Fassaden und blühende Balkone erhöhen die Lebensqualität“, stand im Aufruf. Das las auch der Kämmerer und fragte sofort besorgt:
„Erhöhen die auch die Gewerbesteuereinnahmen?“
Währenddessen machte sich die Stadtbevölkerung an die Arbeit. Überall blühten Rosen, Lavendel und Sonnenblumen. Bienen summten, Schmetterlinge flatterten und selbst die Spatzen wirkten plötzlich optimistisch.
Nur am Rathaus blieb es seltsam kahl.
Die Mitarbeiter wollten zwar teilnehmen, konnten sich aber nicht einigen, welche Pflanzen zulässig seien.
Für die Petunien wurde ein Formblatt benötigt, die Geranien mussten eine Stellungnahme abgeben und für die Sonnenblumen war zunächst ein Bebauungsplan zu prüfen.
Rosen und Nelken hatten wegen der proletarischen Tradition keine Chancen, dafür blaue Kornblumen und Vergissmeinnicht. Diese Vorschläge kamen vom Amtsruher des Jahres 2026 in Abstimmung mit der „Arbeitsgemeinschaft für Dauerempörung“ (AfD). Die begründeten ihren Vorschlag mit der geschichtlichen Traditionslinie des Fliegenschieß.
Der Bürgermeister stellte klar, mit allem nichts zu tun zu haben. Und auch Blumenvorschläge sind Demokratie.

Nach sechs Wochen Bearbeitungszeit war schließlich ein einzelner Kaktus für das Rathaus genehmigt.

Als die ersten Wettbewerbsfotos per E-Mail eintrafen, staunte das Rathaus nicht schlecht.
Ganze Straßenzüge waren inzwischen ein Blütenmeer. Balkone quollen über vor Farbenpracht.
Daraufhin entstand im Rathaus eine Arbeitsgruppe „Blumenschmuck 2035“, die prüfen sollte, ob Blumen überhaupt mit den städtischen Gestaltungsvorschriften vereinbar seien.
Die Jury, die geheim war und tagte, kürte schließlich die Gewinnerin, eine ältere Dame aus der Stadt, deren Garten so viele Bienen anzog, dass man dort angeblich mehr Summen hörte als im Stadtrat.

Den Sonderpreis erhielt jedoch das Rathaus selbst.
Nicht für Blumen, sondern für die seltenste Pflanze der Stadt.
Eine Spezies, die nirgendwo sonst so üppig gedeiht: Der Amtsschimmel.
Er blühte dort das ganze Jahr, völlig ohne Pflege, Dünger oder Wettbewerb. Und ich als Phantom und Schatten im Rathaus hatte tägliche Freude daran.

Das war eine Aufregung, da hilft am Ende wieder nur lesen, das beruhigt.
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Frank Kuschel

15/06/2026
„DAS RATHAUS“Die fehlenden Kinder von Amtsruhe In Amtsruhe machte sich eines Tages große Besorgnis breit.Die Zahl der Ge...
15/06/2026

„DAS RATHAUS“

Die fehlenden Kinder von Amtsruhe

In Amtsruhe machte sich eines Tages große Besorgnis breit.
Die Zahl der Geburten war seit Jahren rückläufig.
Während früher noch ganze Jahrgänge den Kindergarten füllten, konnte man inzwischen die Neugeborenen beinahe persönlich begrüßen.
Der Bürgermeister und eine Stadtratsmehrheit haben damit kein Problem. Als strategische Stadtpolitik werden eben Kindergärten geschlossen und gleichzeitig die Kindergartengebühren drastisch erhöht.
Es gilt die Devise: wenn schon weniger Kinder geboren werden, dann müssen die uns mehr wert sein und das beginnt mit sehr teuren Betreuungsplätzen.
Die „Arbeitsgemeinschaft für Dauerempörung“ sieht die deutsche Frau in der Verantwortung und Kinderbetreuung ist für die typische Hausarbeit.

Fachleute verweisen darauf, dass in Amtsruhe einfach junge Menschen fehlen, viele fluchtartig die Stadt verlassen haben und die Hiergebliebenen immer später Familien gründeten.
Neben der teuren Kinderbetreuung wird auch das Wohnen immer teurer und da sind Kinder nicht gerade hilfreich. Auch gibt es viel zu wenige Jugendtreffs.
Doch diese Erkenntnisse galten als zu einfach und wurden daher nicht weiterverfolgt.
Stattdessen entstanden zahlreiche „kreative“ Theorien.
Ein Stadtrat vermutete, die sinkenden Geburtenzahlen seien auf die zunehmende Verbreitung von E-Bikes zurückzuführen.
„Interessant!“, sagte der Bürgermeister.
Er ist aber überzeugt, dass es an den Smartphones, Streamingdiensten, Videospielen, Katzenvideos und den viel zu geringen Stromausfällen liegt.

Ein anderer war überzeugt, dass die Schuld bei den modernen Kaffeemaschinen liege.
Ein dritter sah den Zusammenhang mit der Einführung der papierlosen Verwaltung.
„Früher mussten die Menschen beim Warten auf einen Behördentermin noch miteinander reden“, erklärte er. „Heute geht alles digital. Da bleibt keine Zeit mehr für Romantik.“
Diese Theorie erhielt überraschend viel Zustimmung.
Besonders alarmiert war man jedoch, als das Einwohnermeldeamt feststellte, dass die Zahl der Hunde inzwischen schneller wuchs als die Zahl der Kinder.
Daraufhin wurde eine Hundestatistik-Kommission gegründet.
Deren Bericht umfasste 312 Seiten und kam zu dem Schluss, dass Hunde keine Kinder seien.
Die Verwaltung nahm den Bericht dankbar zur Kenntnis.
Schließlich präsentierte das Rathaus nach jahrelanger Forschung die offizielle Erklärung für den Geburtenrückgang:
„Die Ursachen sind vielschichtig und bedürfen weiterer Untersuchungen.“
Diese Formulierung wurde mehrheitlich beschlossen, gerahmt und im Rathausflur aufgehängt.
Nur die Linken und Grünen „spielten“ mal wieder nicht mit und forderten eine kinder- und familienfreundliche Stadtpolitik.
Dies wurde aber als diktatorische Forderung zurückgewiesen.

Unterdessen spielte auf dem Marktplatz nur noch ein einzelnes Kind.
Als ein Besucher fragte, warum es so wenige seien, antwortete das Kind:
„Weil meine Freunde später geboren werden sollen. Das wird gerade noch untersucht.“
Und so blieb in Amtsruhe alles beim Alten.
Außer der Geburtenzahl.
Die sank weiter, sehr geordnet, sehr planmäßig und selbstverständlich nach den Vorgaben des demografischen Entwicklungskonzeptes.

Wer das ändern möchte kauft sich schon mal ein Kinderbuch, wenn das erst mal zu Hause liegt, kommt auch der Nachwuchs, dem man das vorlesen kann.
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Frank Kuschel

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14/06/2026

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„DAS RATHAUS“ Amtsruhe und die gefährliche Sache mit den BüchernIn Amtsruhe könnte man eigentlich stolz auf seine litera...
14/06/2026

„DAS RATHAUS“

Amtsruhe und die gefährliche Sache mit den Büchern

In Amtsruhe könnte man eigentlich stolz auf seine literarische Tradition sein.
Schließlich hatte die Stadt große Namen hervorgebracht wie den Dichter und Gelehrten Johann Karl August Musäus, den Märchensammler Ludwig Bechstein und den Schriftsteller Willibald Alexis.
Die Namen standen auf Straßenschildern, Gedenktafeln und gelegentlich in Sonntagsreden.
Gelesen wurden sie allerdings selten.
Das hatte historische Gründe.

Vor einigen Jahren hatte ein besonders pflichtbewusster Stadtbeamter festgestellt, dass Bücher eine erhebliche Gefahr für die geordnete Verwaltung darstellen können.
„Wer liest“, schrieb er in einer internen Verfügung, „beginnt zu denken. Wer denkt, stellt Fragen. Wer Fragen stellt, verzögert Entscheidungen. Und Verzögerungen gefährden den Dienstbetrieb im Rathaus.“
Die Verfügung wurde zwar nie offiziell in Kraft gesetzt, aber jahrzehntelang gewissenhaft befolgt.
Als Phantom und Schatten im Rathaus, der Bücher liebt, begannen damals harte Zeiten und die verfügte Literaturblockade dauert immer noch an.

Besonders gefürchtet war im Rathaus die sogenannte Marlitt-Gefahr.
Man hatte festgestellt, dass Leser ihrer Romane gelegentlich Mitgefühl entwickelten und anfingen, gesellschaftliche Verhältnisse kritisch zu betrachten.
Für eine Verwaltung, die seit Jahrzehnten stolz auf ihre bewährten Abläufe war, stellte dies ein kaum kalkulierbares Risiko dar.
Der Höhepunkt der Krise kam zum 200. Geburtstag der Dichterin.
Ein junger Mitarbeiter schlug vor: „Vielleicht könnten wir eine gemeinsame Lesung im Rathaus veranstalten.“
Im Raum wurde es still.
Man hörte angeblich sogar die Zimmerpflanze im Bürgermeisterbüro erschrocken rascheln.
Der Vorschlag wurde sofort an die Arbeitsgruppe „Prävention literarischer Extremereignisse“ überwiesen.
Nach neun Monaten Beratung lag das Ergebnis vor. Eine Lesung sei grundsätzlich möglich.
Allerdings nur unter folgenden Bedingungen:
Die Bücher bleiben geschlossen und es wird nichts vorgelesen.
Die Teilnehmerinnen unterschreiben vorher eine Erklärung, keine eigenen Gedanken zu entwickeln.
Die Veranstaltung endet vor dem ersten Kapitel.
Der Bürgermeister zeigte sich zufrieden.
„Damit würdigen wir unsere große Dichterin angemessen, ohne unnötige Risiken einzugehen.“

So entwickelte sich also im Amtsruher Rathaus eine besondere Verwaltungskultur.
Nur noch Akten wurden gelesen, auch Verordnungen wurden gelesen, manchmal sogar die Haushaltspläne und Anfragen besorgter Bürgerinnen.
Aber Literatur?
Das war etwas völlig anderes.
Literatur konnte dazu führen, dass man sich in andere Menschen hineinversetzte.
Sie konnte Fantasie fördern. Sie konnte Zweifel wecken.
Und im schlimmsten Fall sogar Humor.
Alles Eigenschaften, die in einem streng geregelten Verwaltungsalltag als potenziell störend galten.
Besonders erschütternd wirkte einst die Entdeckung, dass ein Mitarbeiter während der Mittagspause einen Roman gelesen hatte, der auch noch in einem Verlag, der in Sichtweite des Rathauses seinen Sitz hatte, erschienen war.

Der Katastrophenstab wurde einberufen. Der Vorgang erhielt das Aktenzeichen BÜ-08/15 – Verdacht auf literarische Eigeninitiative.
Nach sechs Monaten Prüfung stellte man fest, dass der Betroffene anschließend ungewöhnlich kreative Formulierungen in Beschlussvorlagen an Antwortmails erwendet hatte.
Damit war die Gefahr auch noch gutachtlich und wissenschaftlich nachgewiesen.
Als die Künstliche Intelligenz ins Rathaus einzog, hofften einige auf Besserung.
„Die KI kennt Millionen Bücher!“, sagte ein junger Mitarbeiter begeistert.
Daraufhin entstand sofort die Arbeitsgruppe „Schutz der Verwaltung vor übermäßiger Bildung“.
Der Abschlussbericht warnte eindringlich:
„Literatur kann dazu führen, dass bestehende Denkstrukturen hinterfragt werden. Dies könnte unbeabsichtigte Innovationen auslösen.“

Auch die Mehrheit im Stadtrat zeigte sich alarmiert.
Der Bürgermeister verssuchte jedoch die Lage zu beruhigen.
„Keine Sorge“, erklärte er. „Wir werden die Literaturtradition unserer Stadt weiterhin würdigen, wenn auch sehr zurückhaltend.“
Und so beschloss man, zusätzliche Gedenktafeln für die Dichter, neue Hinweisschilder zu den Literaten, einen Literaturwanderweg, drei Arbeitsgruppen zur Pflege des literarischen Erbes, auf den Weg zu bringen.
Lediglich das Lesen selbst wurde nicht ausdrücklich empfohlen.
Aktuell gilt in Amtsruhe der berühmte Verwaltungssatz:
„Wir ehren unsere Dichter, indem wir dafür sorgen, dass ihre Werke in einem tadellosen Zustand bleiben.“
„Und wie gelingt das?“
„Indem wir sie möglichst selten aufschlagen.“
So bleibt die Literatur in Amtsruhe bestens erhalten und vollkommen ungefährlich.

Die Amtsruher Literaturfreunde verfassten ein Manifest unter der Überschrift:
„Literatur kann Gefühle, Fantasie und selbstständiges Denken fördern.“
Im Manifest heißt es u.a.: „Ausgerechnet die Heimat einer Bestsellerautorin wie Marlitt entwickelt im Rathaus eine beinahe instinktive Skepsis gegenüber Büchern.“
Jetzt treffen sich die Literaturfreunde einmal im Monat und lesen.
Sie hoffen auf die literarische Revolution in Amtsruhe „Bücherfreude aus Amtsruhe vereinigt euch“.

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Frank Kuschel

„DAS RATHAUS“Der große Rathaus-Flohmarkt von AmtsruheIn Amtsruhe geschah etwas Historisches.Nicht etwa die Schlossstraße...
13/06/2026

„DAS RATHAUS“

Der große Rathaus-Flohmarkt von Amtsruhe

In Amtsruhe geschah etwas Historisches.
Nicht etwa die Schlossstraße wurde fertig.
Nicht etwa im Ostviertel wird ein Jugendtreff geschaffen.
Und schon gar nicht wurde ein Aktenstapel kleiner.
Nein, der Bürgermeister verkündete feierlich: „Wir machen einen Flohmarkt im Rathaus!“
Die Idee entstand, nachdem bei einer Brandschutzbegehung festgestellt wurde, dass sich in den Kellern, Dachböden, Abstellräumen, ehemaligen Abstellräumen und den als „vorübergehende Zwischenlager“ bezeichneten Räumen inzwischen mehr Gegenstände befanden als Einwohner in Amtsruhe.
Als Phantom und Schatten im Rathaus war ich begeistert. Endlich wird in meinem reich wieder Ordnung geschaffen.

Ein Einsatzstab wurde gebildet.
Der Einsatzstab stellte fest, dass niemand mehr im Rathaus wusste, wem die Sachen gehörten.
Also erklärte man kurzerhand alles zum städtischen Kulturgut.
Die ersten Fundstücke sorgten sofort für Begeisterung: drei Schreibmaschinen aus den 1970er Jahren, auf denen noch der Haushaltsplan von 1979 steckte, zwölf Diaprojektoren, ein Faxgerät, das laut Inventarliste „modernste Kommunikationstechnik“ war, vier Kartons mit Bürgeranfragen, die mit dem Vermerk „dringend bearbeiten“ aus dem Jahr 1998 versehen waren.
Besonders wertvoll erschien ein Schrank voller unbenutzter Leitbilder.
Darin fanden sich:
„Amtsruhe 2000 – Die Zukunft beginnt heute“
„Amtsruhe 2010 – Dynamisch in das neue Jahrzehnt“
„Amtsruhe 2020 – Innovation und Aufbruch“
„Amtsruhe 2030 – Jetzt aber wirklich“
Alle noch originalverpackt.
Ein älterer Bürger fragte vorsichtig: „Waren die jemals in Gebrauch und Umsetzung?“
„Nein“, antwortete die Verwaltung stolz. „Deshalb sind sie praktisch neuwertig.“

Im Keller entdeckte man außerdem die legendäre Kiste mit den nie umgesetzten Großprojekten.
Darin lagen:
die Pläne für die Seilbahn zur Alteburg,
die Bewerbung für die Landesgartenschau,
das Konzept für das Bürger- und Vereinshaus,
und ein Modell der „Smart City Amtsruhe“, das noch mit Disketten betrieben wurde.
Der Star des Flohmarktes wurde jedoch ein vergilbter Stuhl aus dem Ratssaal.
Das Schild daneben erklärte: „Auf diesem Stuhl wurde seit 30 Jahren gegen Veränderungen argumentiert.“
Der Schätzwert war unbegrenzt. Viele Besucher des Flohmarktes wollten ihn kaufen.
Der Bürgermeister lehnte ab.
„Der bleibt hier. Das ist ein wichtiges Arbeitsmittel.“
Auch die KI des Rathauses beteiligte sich am Flohmarkt.
Sie hatte eine Liste erstellt, welche Gegenstände seit Jahrzehnten nicht mehr genutzt wurden.
Nach wenigen Sekunden meldete sie: „Vorschlag: 87 Prozent des Rathausinventars verkaufen.“
Daraufhin wurde die KI vorsichtshalber vom WLAN getrennt.
Am Ende des Tages waren die Einnahmen überschaubar.
Verkauft wurden zwei Locher, eine Zimmerpflanze, ein Ortsplan von 1987 und zwei gebrauchte Büroklammern.
Der Rest blieb.
Denn bei fast jedem Gegenstand erklärte irgendein Mitarbeiter:
„Den können wir nicht verkaufen. Den brauchen wir vielleicht noch irgendwann.“

Stattdessen wurde die Idee entwickelt, den Flohmarkt als Tarnung zu nutzen, um unliebsame Dinge zu entsorgen.
Die standen auf einem Zettel, der auf dem Bürgermeisterschreibtisch lag.
Darunter waren zwei Anträge auf Abwahl des Bürgermeisters, das Wahlprogramm des Bürgermeisters von 2018 und 2024 mit dem Versprechen von Puffbohne nach Arnstadt zu ziehen, die Prüfungsberichte für die Jahresrechnungen der letzten Jahre, die Kostenaufstellung für den jüngsten Jahresempfang des Bürgermeisters und die geheime Liste für die Wahl des Arnstädter des Jahres 2026.
„Alles muss weg“, war die Devise des Bürgermeisters. Und so wurde all diese Dokumente geschreddert und als Bürgermeister-Konfetti für den nächsten Faschingsumzug verkauft.

So endete der große Rathaus-Flohmarkt von Amtsruhe.
Und weil nun wieder kein Platz geschaffen worden war, beschloss der Stadtrat einstimmig die Anschaffung neuer Lagercontainer, natürlich mit einem Konzeptpapier.
Das wurde anschließend sorgfältig im Keller eingelagert, für die Nachwelt.

Und eigentlich bräuchten sie Bücher, gute Literatur, die man gern eingestaubt vorzeigt, die Wissen repräsentiert..
Ich gehe lesen.
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Frank Kuschel

„DAS RATHAUS“Amtsruhe und die zwei BürgermeisterIn Amtsruhe gab es seit Jahren ein stadtpolitisches Rätsel.Offiziell hat...
12/06/2026

„DAS RATHAUS“

Amtsruhe und die zwei Bürgermeister

In Amtsruhe gab es seit Jahren ein stadtpolitisches Rätsel.
Offiziell hatte die Stadt selbstverständlich einen Bürgermeister. Er war ordnungsgemäß gewählt, vereidigt und mit allen Rechten und Pflichten ausgestattet. Sein Wohnsitz lag allerdings in der benachbarten Stadt Puffbohne.
„Das ist doch völlig normal“, erklärte man im Rathaus. „Schließlich muss man nicht in Amtsruhe wohnen, um Amtsruhe zu regieren.“
Und gern lässt sich Amtsruhe durch einen Fremdling regieren.
Und als Phantom und Schatten muss ich das mit Respekt zur Kenntnis nehmen, gewählt ist gewählt. Obwohl, wenn ich Leute frage, bekennt kaum jemand, den Bürgermeister auch gewählt zu haben.
Aber wir leben in verrückten Zeiten und da gibt es Dinge, die kann und muss ich nicht verstehen.

Dennoch entwickelte sich im Laufe der Jahre ein zweites Amt, das in keiner Kommunalordnung stand, der Bürgermeister der Herzen.
Niemand hatte ihn gewählt. Niemand konnte genau erklären, wann dieses Amt entstanden war.
Und dennoch wusste jeder in Amtsruhe, wer gemeint war.
Der Unterschied zwischen beiden Bürgermeistern war leicht zu erkennen.
Der gewählte Bürgermeister fuhr morgens von Puffbohne ins Amtsruher Rathaus, wenn er nicht krank, im Urlaub oder Heimarbeit war.
Der Bürgermeister der Herzen ging morgens durch Amtsruhe.
Der gewählte Bürgermeister las Vorlagen und erklärt die Welt in Paragrafen.
Der Bürgermeister der Herzen veröffentlicht Bücher und förderte Literatur.
Der gewählte Bürgermeister studierte täglich den Haushaltsplan.
Der Bürgermeister der Herzen kannte die Namen der nicht im Haushalt geplanten Projekte.
Während der eine erklären konnte, warum eine Maßnahme erst nach Beschlusslage, Fördermittelzusage, Ausschreibung und Genehmigung umgesetzt werden könne, erklärte der andere beim Bäcker, warum Frau Müller immer noch auf die Reparatur des Gehwegs wartete.
Beide hatten also wichtige Aufgaben.
Der eine verwaltete die Stadt.
Der andere verwaltete die Stimmung.

Besonders deutlich wurde der Unterschied bei Stadtfesten.
Der gewählte Bürgermeister hielt eine Rede.
Der Bürgermeister der Herzen wurde in Gespräche verwickelt.
Der gewählte Bürgermeister stand auf der Bühne.
Der Bürgermeister der Herzen stand am Bratwurststand.
Der gewählte Bürgermeister wusste, wie viele Einwohner Amtsruhe hatte.
Der Bürgermeister der Herzen wusste, welche Einwohner gerade mit wem zerstritten waren.
Im Rathaus betrachtete man diese Entwicklung zunächst mit Skepsis.
„Ein Bürgermeister reicht doch eigentlich“, sagte man.
Doch die Bürger widersprachen.
„Natürlich reicht einer“, sagten sie. „Für die Verwaltung.“
Und dann fügte jemand hinzu:
„Aber für die Seele und das Herz der Stadt braucht man manchmal einen zweiten.“
Mit der Zeit gewöhnte man sich daran.
Der gewählte Bürgermeister blieb zuständig für Beschlüsse, Satzungen und Fördermittel.
Der Bürgermeister der Herzen blieb zuständig für Geburtstage, Vereinsfeste und die hohe Kunst, auf dem Marktplatz innerhalb von zehn Minuten mehr Neuigkeiten zu erfahren als das Rathaus in einem Monat.
So lebten beide friedlich nebeneinander.
Der eine mit Dienstsiegel.
Der andere mit Handschlag.
Der eine mit offizieller Amtskette.
Der andere mit einem Stammplatz beim Bäcker.

Und während der Bürgermeister aus Puffbohne die Stadt nach allen Regeln des Kommunalrechts führte, führte der Bürgermeister der Herzen die Herzen der Amtsruher nach allen Regeln der Stadtpsychologie.
Was von beiden wichtiger war, darüber wurde in Amtsruhe regelmäßig diskutiert.
Meistens beim Bäcker.
Und dort hatte der Bürgermeister der Herzen traditionell die besseren Umfragewerte.

Dem Bürgermeister der Herzen wurde sogar Gedichte und Lieder gewidmet, praktisch als Trost, weil er bei der Auswahl des Amtsruher des Jahres nie Berücksichtigung finden wird.
Diese Gedichte und Lieder werden meist beim Bäcker oder am Bratwurststand vortragen, dort befindet sich bekanntlich sein inoffizielles Rathaus.
Ich bin immer nah an beiden Bürgermeistern dran, zwei die sich nie gesucht aber nun doch gefunden haben.
Jetzt muss der Rathausbürgermeister nur noch die Gelassenheit der Akzeptanz des Bürgermeisters der Herzen finden.
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Frank Kuschel

„DAS RATHAUS“ Amtsruhe 2030 – KI übernimmtIn Amtsruhe stellte man sich seit Tagen die entscheidende Zukunftsfrage:Brauch...
11/06/2026

„DAS RATHAUS“

Amtsruhe 2030 – KI übernimmt
In Amtsruhe stellte man sich seit Tagen die entscheidende Zukunftsfrage:
Brauchen wir eigentlich noch einen Bürgermeister, einen Stadtrat und ein Phantom mit Schatten wenn es Künstliche Intelligenz im Rathaus gibt?
Die Frage entstand nicht aus Technikbegeisterung, sondern aus reiner Verwaltungsökonomie.
Denn die neue KI „AMTS-GPT“ hatte innerhalb weniger Minuten geschafft, wofür die Stadtpolitik manchmal mehrere Sitzungsperioden benötigte: Sie hatte alle Vorlagen gelesen, alle Beschlüsse ausgewertet und sogar verstanden.
Das sorgte zunächst für Misstrauen.

„Wenn sie alles versteht, passt sie nicht zu uns“, bemerkte ein Stadtrat, der schon seit dem vergangenen Jahrtausend versucht, den städtischen Haushalt zu verstehen.
Die KI begann ihre Arbeit dennoch.
Sie analysierte den Zustand der Straßen und schlug vor, Schlaglöcher nach Dringlichkeit zu reparieren.
Der Vorschlag wurde sofort abgelehnt.
In Amtsruhe reparierte man Schlaglöcher traditionell nach dem Prinzip der städtischen Überraschung. Niemand sollte vorher wissen, welche Straße als Nächstes dran ist. Das erhöhte die Spannung im Alltag.
Anschließend untersuchte die KI die gesperrte Brücke am Fischtor.
Nach wenigen Sekunden präsentierte sie drei Lösungsvarianten mit Kostenberechnung, Fördermöglichkeiten und Bauzeitenplan.
Daraufhin wurde eine Arbeitsgruppe gegründet, um die Vorschläge der KI in den nächsten vier Jahren sorgfältig zu prüfen.
Schließlich durfte man sich von einer Maschine nicht unter Druck setzen lassen.
Auch für die geschlossene Toiletten am Bahnhof, die verschweißten Fahrradboxen in der Marktstraße und die Marktsanierung ohne Baumfällungen hatte die KI gleich mehrere Lösungsvarianten.
Der Bürgermeister fertigte umgehend eine Überlastungsanzeige und melde sich aus seinem Wohnort Pfuffbohne erst mal wieder krank.
Bei ihm wurde akute KI-induzierte Amtsentbehrlichkeitsneurose (KIAN) diagnostizierte.
Die Symptome sind nervöses Zucken bei Effizienzsteigerungen, spontane Bildung von Arbeitskreisen und die ständige Frage: „Braucht man eigentlich noch einen Bürgermeister, wenn die KI sogar die Grußworte schreibt?“

Besonders schwierig wurde es beim Thema Stadtrat.
Zunächst gab es eine endlose Debatte darüber, welches Geschlecht die KI hat. Insgesamt gab es 56 Vorschläge. Um Klarheit zu schaffen, wurde ein Gutachter beauftragt. Der befragte die KI und die empfahl, die Geschlechtsdebatte zu beenden, weil es keine befriedigende Lösung gab.
Im Stadtrat gab es starken Beifall, weil nun klar war, dass die KI nicht ändern wird, fast nichts.
Denn die KI hatte auch festgestellt, dass viele Redebeiträge inhaltlich identisch waren und schlug vor, Wiederholungen automatisch zusammenzufassen.
Der Stadtrat protestierte geschlossen, ich als Phantom auch, jedoch nur leise.
Die Wiederholung sei ein unverzichtbarer Bestandteil der kommunalen Demokratie.
Man könne eine Meinung schließlich nicht oft genug äußern, insbesondere wenn sie beim ersten Mal bereits niemanden überzeugt habe.
Der Bürgermeister war anfangs ebenfalls skeptisch.
Doch als die KI begann, Bürgeranfragen innerhalb von drei Sekunden zu beantworten, erkannte er die Gefahr.
Was sollte aus den bewährten Bearbeitungszeiten werden?
Die Bürger könnten am Ende noch Erwartungen entwickeln.
Schließlich fand man einen Kompromiss.
Die KI durfte sämtliche Probleme analysieren, Lösungen berechnen, Förderprogramme finden, Haushaltspläne optimieren und Bürgeranfragen beantworten.
Der Bürgermeister durfte weiterhin Grußworte halten, Bänder durchschneiden und erklären, warum leider gerade kein Geld vorhanden sei. Auch musste er nicht mehr so oft im Rathaus sein.
Die Stadtratsvorsitzende durfte weiter Stadträten und Bürgern das Wort verbieten, wenn die wieder einmal etwas aus dem Rathaus wissen wollten.
Noch nicht entschieden ist, ob künftig die KI entscheidet, wer Arnstädter des Jahres wird.

Der Stadtrat behielt letztlich seine wichtigste Aufgabe, über die Vorschläge der KI zu diskutieren, sie in Ausschüsse zu verweisen, Gutachten einzuholen und anschließend festzustellen, dass man die Sache weiter beobachten müsse.
So entstand in Amtsruhe das erste kommunale Mensch-Maschine-Modell Deutschlands, MMMD.
Die KI erledigte die Arbeit, die Politik behielt die Tradition.
Und alle waren zufrieden, außer die KI selbst.
Die beantragte nach sechs Monaten ihre Versetzung in eine einfachere Umgebung zur Steuerung eines Kernkraftwerks. Dort, so erklärte sie, seien die Entscheidungswege deutlich übersichtlicher. Als im Amtsruher Rathaus.

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