16/06/2026
„DAS RATHAUS“
Der große Blumenschmuck-Wettbewerb von Amtsruhe
Als die Stadt Amtsruhe zum Wettbewerb
„Wir suchen den schönsten Blumenschmuck in der Stadt!“ aufrief, war die Begeisterung zunächst überschaubar.
Im Rathaus hatte man jahrelang erfolgreich bewiesen, dass man auch ohne Blumen auskommen konnte.
Die einzigen Gewächse, die dort zuverlässig gediehen, waren Aktenberge und Zuständigkeitsfragen.
Früher vor vielen Jahren, als noch sozialistische Maßstäbe galten, hatte Amtsruhe die wohl größte Dahlien-Ausstellung als Außenstandort der Internationalen Gartenausstellung Erfurt (IGA, heute EGA).
Da kamen Besucher aus nah und fern nach Amtsruhe, um tausende Dahlien zu bewundern.
Nachdem der Sozialismus vertrieben war, entschieden die wichtigen Stadtpolitiker, dass diese sozialistische Dahlien-Ausstellung auf den Müllhaufen der Geschichte gehört. Die Dahlien wurden entfernt und der Stadtpark wurde wieder zum Schlosspark und das auch gestalterisch,
Und die Fürsten und neuen Herren nach 1990 mochten nun mal keine Blumen, Dahlien schon gar nicht.
Seit einigen Jahren gibt es zwar wieder ein Dahlienfest, allerdings meist ohne Dahlien.
Heute gibt es weniger Blumen, dafür aber deutlich mehr Formulare.
Die Dahlien blühen heute nur von Juli bis Oktober in einigen Kübeln aber nicht mehr im Stadtpark, der wieder Schlosspark heißt. Die Zuständigkeiten in der Stadtpolitik hingegen blühen im Rathaus das ganze Jahr über.
Und es gibt auch wieder einen weiteren Wettbewerb, neben der geheimen Bestimmung des Amtsruher des Jahres und dem Almosenwettbewerb „3 mal 5.000 EUR für irgend etwas, das dem Bürgermeister erfreut“, nämlich den Blumenschmuckwettbewerb.
„Naturnah gestaltete Vorgärten, begrünte Fassaden und blühende Balkone erhöhen die Lebensqualität“, stand im Aufruf. Das las auch der Kämmerer und fragte sofort besorgt:
„Erhöhen die auch die Gewerbesteuereinnahmen?“
Währenddessen machte sich die Stadtbevölkerung an die Arbeit. Überall blühten Rosen, Lavendel und Sonnenblumen. Bienen summten, Schmetterlinge flatterten und selbst die Spatzen wirkten plötzlich optimistisch.
Nur am Rathaus blieb es seltsam kahl.
Die Mitarbeiter wollten zwar teilnehmen, konnten sich aber nicht einigen, welche Pflanzen zulässig seien.
Für die Petunien wurde ein Formblatt benötigt, die Geranien mussten eine Stellungnahme abgeben und für die Sonnenblumen war zunächst ein Bebauungsplan zu prüfen.
Rosen und Nelken hatten wegen der proletarischen Tradition keine Chancen, dafür blaue Kornblumen und Vergissmeinnicht. Diese Vorschläge kamen vom Amtsruher des Jahres 2026 in Abstimmung mit der „Arbeitsgemeinschaft für Dauerempörung“ (AfD). Die begründeten ihren Vorschlag mit der geschichtlichen Traditionslinie des Fliegenschieß.
Der Bürgermeister stellte klar, mit allem nichts zu tun zu haben. Und auch Blumenvorschläge sind Demokratie.
Nach sechs Wochen Bearbeitungszeit war schließlich ein einzelner Kaktus für das Rathaus genehmigt.
Als die ersten Wettbewerbsfotos per E-Mail eintrafen, staunte das Rathaus nicht schlecht.
Ganze Straßenzüge waren inzwischen ein Blütenmeer. Balkone quollen über vor Farbenpracht.
Daraufhin entstand im Rathaus eine Arbeitsgruppe „Blumenschmuck 2035“, die prüfen sollte, ob Blumen überhaupt mit den städtischen Gestaltungsvorschriften vereinbar seien.
Die Jury, die geheim war und tagte, kürte schließlich die Gewinnerin, eine ältere Dame aus der Stadt, deren Garten so viele Bienen anzog, dass man dort angeblich mehr Summen hörte als im Stadtrat.
Den Sonderpreis erhielt jedoch das Rathaus selbst.
Nicht für Blumen, sondern für die seltenste Pflanze der Stadt.
Eine Spezies, die nirgendwo sonst so üppig gedeiht: Der Amtsschimmel.
Er blühte dort das ganze Jahr, völlig ohne Pflege, Dünger oder Wettbewerb. Und ich als Phantom und Schatten im Rathaus hatte tägliche Freude daran.
Das war eine Aufregung, da hilft am Ende wieder nur lesen, das beruhigt.
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Frank Kuschel