14/04/2023
KÜNSTLICHE INTELLIGENZ:
Wann werden uns Chatbots wie ChatGPT das Schreiben abnehmen?
War es der »iPhone-Moment der Künstlichen Intelligenz«, als OpenAI im November 2022 ChatGPT ins Internet ausgewildert hat? So höre und lese ich neuerdings ständig. Alle Welt – ich inbegriffen – spielt mit dem Chatbot herum, und der Hype darum schraubt sich in immer höhere Sphären. Ebenso mehren sich die Stimmen jener, die wie OpenAI-Mitgründer Elon Musk gar die Existenz der Menschheit durch die Künstliche Intelligenz bedroht sehen. Als Textschaffender frag ich mich da schon:
▐ Ist die KI die »Schreibmaschine« der Zukunft? Werden Texter,
▐ Schriftsteller und Journalisten bald ausgedient haben?
Wie fast immer, wenn etwas hochkocht, verstellen Übertreibungen den Blick auf die Realität. So ist es derzeit auch bei der Künstlichen Intelligenz. Chatbots wie das auf dem Sprachmodell GPT-4 basierende ChatGPT arbeiten alle nach ähnlichen Prinzipien: Zuerst wird die KI anhand von Massendaten trainiert. In der Regel stammen diese Texte aus dem Internet. Später generiert der Chatbot aus diesen Big Data dann auf Anfrage, »Prompt« genannt, seinen Output mithilfe statistischer Wahrscheinlichkeiten.
Nun ist die Qualität der meisten Texte im World Wide Web eher durchschnittlich. Nicht wenige sind sogar unterirdisch schlecht, tendenziös oder sogar diskriminierend. Nach wie vor muss der menschliche Geist eingreifen, um das Training zu optimieren. Diese Arbeit übernehmen oft sogenannte Clickworker für einen Hungerlohn in Ländern wie Venezuela oder Bangladesch. Solcher »Nachhilfeunterricht« für die KI hindert diese bislang aber nicht daran, oft wie gedruckt zu lügen – Experten sprechen vom »Halluzinieren«. Da Künstliche Intelligenz denn Sinn der von ihr verarbeiteten Informationen nicht versteht, kennt sie auch keine Kategorien wie wahr und falsch.
Ein Sprachmodell, das Millionen halbgarer Texte wiederkäut, ist völlig ungeeignet, korrekte, relevante und zugleich bewegende Beschreibungen in stilistischer Perfektion zu verfassen. Das klappt schon gleich gar nicht, wenn es um individuelle Profile von Unternehmen, Personen oder Marken geht, über die bisher wenig im Netz zu finden ist. Hinzu kommt, dass die halluzinierende KI es mit Fakten nicht so genau nimmt. Die von ihr generierten Texte enthalten nach wie vor etliche Fehler.
𝗗𝗲𝗴𝗲𝗻𝗲𝗿𝗶𝗲𝗿𝘂𝗻𝗴 𝗱𝗲𝗿 𝗦𝗽𝗿𝗮𝗰𝗵𝗸𝗼𝗺𝗽𝗲𝘁𝗲𝗻𝘇
Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Betreiber von Websites das Internet mit KI-generierten »SEO-Texten« überschwemmen. Da jedoch Künstliche Intelligenz nur in leicht veränderter Form wiederholt, was es woanders tausendfach zu lesen gibt, ist sie alles andere als der ideale SEO-Schreibautomat für einzigartige Inhalte. Man kann damit keinen hochwertigen Content erstellen, der das Ranking einer Webseite bei Suchmaschinen dauerhaft verbessert. Eher das Gegenteil ist der Fall.
Je stärker sich der Trend zu Chatbot-Content entwickelt, desto größer ist die Gefahr, dass KI-Sprachmodelle beim nächsten Training ihr eigenes Erbrochenes aufsaugen und in »neue« Texte einfließen lassen. Damit würde das mittelmäßige Niveau des KI-Outputs weiter sinken. Die niedrigere Qualität wiederum drängt die hochwertigen Texte noch stärker zurück, weil die automatische Validierung der Trainingsdaten alles Außergewöhnliche als »Ausreißer« eingestuft.
Der Verfall des Niveaus dürfte dadurch beschleunigt werden, dass bald immer weniger Menschen ihr Gehirn zum Schreiben einschalten. Stattdessen lassen sie ihre Texte lieber von der hirnlosen »Intelligenz« einer KI verfassen. Dies würde wohl zu einer weiteren Degenerierung der allgemeinen Sprachkompetenz führen. Schreitet dieser Prozess so schnell voran wie die Technik, werden einzigartige, kreative und trotzdem leicht lesbare Texte bald so selten sein wie das Nördliche Breitmaulnashorn.
𝗗𝗲𝗻𝗻 𝘀𝗶𝗲 𝘄𝗶𝘀𝘀𝗲𝗻 𝗻𝗶𝗰𝗵𝘁, 𝘄𝗮𝘀 𝘀𝗶𝗲 𝘁𝘂𝗻
Wenn Sie Menschen bewegen wollen, begnügen Sie sich nicht mit Texten von Künstlicher Intelligenz, die keinerlei Gespür für Empathie, Moral oder Political Correctness besitzt. KI versteht nicht einmal, was sie schreibt. Chatbots wissen nicht, was sie tun – tun es aber trotzdem. Sie können nur Wörter und Wortgruppen anhand statistischer Wahrscheinlichkeiten aneinanderreihen. Im Computermagazin c’t schrieb Philipp Schönthaler (Heft 9/2023, S. 126):
▐ »Systeme wie ChatGPT wetten darauf, dass sich die
▐ Bedeutungsebene von Sprache über numerische Relationen
▐ erschließen lässt.«
Wetten auf Wahrscheinlichkeiten, mangelnde Textqualität und unsichere Faktenlage sind eine sehr fragwürdige Voraussetzung für den Erfolg einer »Botschaft«. KI ist durchaus dazu geeignet, sich Anregungen für einen Text zu holen oder diesen korrigieren lassen. Doch wenn Sie Ihre Zielgruppe mit einem herausragenden Wording begeistern wollen, verfassen Sie die Texte lieber selbst. Sie können die Konzeption und das Schreiben auch einem Profitexter oder Ghostwriter anvertrauen. Aber: Behalten Sie die Kontrolle über den kreativen Prozess!
Übrigens: Mit menschengemachten Texten stehen Sie auch rechtlich auf festem Grund. KI-Texte indes sind nämlich urheberrechtlich vogelfrei: Jeder darf sie straflos kopieren und für eigene Zwecke verwenden.
𝗩𝗼𝗿𝘀𝗽𝗿𝘂𝗻𝗴 𝗱𝘂𝗿𝗰𝗵 »𝗕𝗶𝗼-𝗧𝗲𝘅𝘁𝗲«
Der massenhafte Verzehr hochverarbeiteter Lebensmittel hat über Jahrzehnte zu einem Qualitätsverlust bei der Ernährung geführt. Die Folge: Schlechtes Essen macht krank. Wer länger gesund und fit bleiben will, ernährt sich bewusster, greift öfters mal ins Bio-Regal. Ich denke, bei der Nahrung für den Geist – der gesprochenen und geschriebenen Sprache – sollten wir ähnlich achtsam sein. Warum?
Weil der massenhafte Konsum von Fließbandtexten aus der Produktion hirnloser »Intelligenz« den Geist verkümmern lässt. Je länger und öfter wir uns sprachlichem Fastfood aussetzen, desto klagloser werden wir uns mit banalen Worthülsen abspeisen lassen. Wir merken dann nicht einmal mehr, wie die Kommunikation ihre Farbe verliert und zu einer Schwarz-Weiß-Sprachkultur verblasst. Ich bin überzeugt:
▐ Nur der Mensch ist zu jener kreativen Verrücktheit fähig,
▐ die aus Erinnerungen und Erfahrungen etwas völlig Neues
▐ erschafft.
Es mag die Zeit kommen, in der von Menschen gemachte Texte aus der Masse hervorstechen wie bunte Paradiesvögel in der Wüste. Solche »Bio-Texte« werden etwas Exklusives sein, das Aufmerksamkeit erregt. Die Entscheidung für das Ungewöhnliche trifft jeder selbst.
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Worin unterscheidet sich das menschliche Gehirn von künstlichen neuronalen Netzwerken? Warum werden Chatbots wie ChatGPT auf lange Sicht keine stilsicheren, einzigartigen und leicht lesbaren Texte produzieren? Kann KI Romane oder Drehbücher schreiben? Mehr zu diesen und weiteren Fragen rund um das Texten mithilfe von KI erfahren Sie aus dem Blogpost »Künstliche Intelligenz: Kann KI einen Ghostwriter oder Texter ersetzen?«. Lesen Sie den Artikel auf https://phantagon.com/blog/20230331.html. Er wird Ihnen die Augen öffnen.
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