03/07/2020
Florian Göttler kommentiert für uns die Reaktion Seehofers auf “All Cops are berufsunfähig”:
Mit Dummheit auf Dämlichkeit reagieren – Erst Seehofers Drohung mit Strafanzeige machte einen irrelevanten Text relevant.
Vorsichtig formuliert ist der Text „All Cops are berufsunfähig“, so wie ich ihn lese, kein guter Text. Im Gegenteil: Dieser Text ist für mich ein Paradebeispiel journalistischen Versagens: Er ist das Ergebnis journalistischer Schlichtheit, eines Mangels an Fähigkeit zur Differenzierung. Und wenn das wirklich wahr ist, was die taz im Nachhinein behauptet, dass nämlich dieser Text tatsächlich eine Satire sei, dann wird es mir unwohl um die Zukunft der Satire. Die taz ist natürlich keine irrelevante Zeitung in unserem Land, und sie leistet bisweilen großartige Beiträge von gesellschaftlicher Relevanz. Sie recherchiert in Bereichen, vor denen andere Medien gerne die Augen verschließen, sie greift heiße Eisen an, auch in dem Wissen, dass sie sich dabei die Finger verbrennt. Darauf kann sie stolz sein, man möchte fast sagen, dass genau dieses bewusste Fingerverbrennen sie zu einem hochgradig wertvollen und fast einzigartigen Bestandteil der freien Presse macht. Deshalb: Der Text „All Cops are berufsunfähig“ wird dem Anspruch und der Qualität der taz in keiner Weise gerecht. Er ist einfach ein schlechter Text: pauschalisierend, menschenfeindlich und noch dazu ideenblöd (man entschuldige dieses Wort, aber der Text schildert ja Ideen, aber die sind einfach nur blöd). Eine aufmerksame und selbstbewusste Redaktionsleitung hätte der Verfasserin wahrscheinlich gesagt: „Nehme ich so nicht ins Blatt. Wir haben höhere Ansprüche. Mach dir nochmal Gedanken.“ Das ist offenbar leider nicht passiert. Und so erschien dieser dumme Text in der taz.
Tage später wüteten junge Menschen fernsehwirksam durch die Stuttgarter Innenstadt, zerstörten Läden, plünderten diese und attackierten Polizisten. Man kann froh sein, dass kein Polizist schwerstverletzt wurde, und das lag offenbar nicht an der Besonnenheit der Angreifer, sondern es war offenbar einfach nur Glück. Wenn jemand einen Polizisten mit dem Fuß voraus anspringt, dann ist es einfach nur Glück für den Getroffenen, wenn er nicht ernsthaft verletzt wird.
Was geschieht anschließend? Der anonyme Treter verschwindet in der Nacht (Hoffentlich wird er überführt und verurteilt). Tags darauf kündigt Innenminister Seehofer an, Strafanzeige gegen die Verfasserin des taz-Artikels zu stellen. Die Wirkung: Er hat die Schlagzeilen für einen Tag. Aber nur für diesen einen Tag. Ein Pyrrhussieg. Denn auf den nächsten Tag folgen der nächste, dann der übernächste und danach noch ein paar Tage mehr.
Und in diesen paar Tagen mehr wurde Seehofer von Kanzlerin Merkel zurückgepfiffen und in der Folge in den Medien als schwacher, ja geprügelter Innenminister geschildert.
Hat Seehofer klug gehandelt? Nein. Er selbst bleibt ein geschwächter, weil zurückgepfiffener Minister. Gleichzeitig verschaffte er einem blöden Text eine Bekanntheit und Relevanz, die dieser schlichtweg aufgrund dessen Schlichtheit und ja, Dummheit, nicht die geringste Beachtung verdient hat.
So everybody cool, you be cool. George Clooney sagt das im Film From Dusk till Dawn. Clooney kämpft da gerade gegen Vampire, es steht echt Kurz auf Knapp, und wer nicht cool bleibt, der wird gebissen und mutiert binnen Sekunden zum Menschenfresser.
Der Film From Dusk till Dawn ist natürlich Fiktion. Aber er lehrt uns eines: So lange dir keiner eine Schrotflinte an den Schädel hält, kannst du cool bleiben. Du musst nicht jeden Tag auf jeden Impuls reagieren. So lange dir keiner eine Knarre an gegen die Schläfe presst, hast du Zeit. Nutze sie. Warte ab. Kündige nie an, dass du etwas machen wirst, was du dann nicht bereit bist, wirklich zu tun.
Es ist in der Frage Seehofer gegen taz leider fast so: Tarantino wäre als Innenminister fast besser: Everybody be cool.