08/04/2020
Erinnerungen an das Studium bei einem Meister der Fotokunst.
Zwischen der ersten gemeinsamen Studienexkursion mit Floris Neusüss an die Wiege der Fotografie nach Chalon-sur-Saône in Frankreich und unserem jüngsten Treffen mit ihm und seiner Frau Renate Heyne liegen mehr als 40 Jahre.
Im Rahmen unseres Studiums an der Kunsthochschule Kassel haben wir bei Floris Neusüss unsere künstlerischen Fähigkeiten erprobt und für das von ihm und Renate Heyne initiierte Fotoforum viele Plakate und Ausstellungskataloge gestaltet. Floris hat in seiner Lehre studienbegleitend Fotokünstler wie Helmut Newton, Reinhart Wolf, Jürgen Klauke, Jochen Gerz, Urs Lüthi, Heinz Cibulka, Annette Messager und andere herausragende Künstlerpersönlichkeiten eingeladen, um in Workshops mit uns zu arbeiten – großartig.
Wie prägend diese Zeit für unsere Zukunft sein würde, haben wir erst viel später realisiert. Uns war das nie so bewusst wie gerade in letzter Zeit.
Auch Floris hat uns nicht vergessen. Für ein geplantes Ausstellungs- und Publikationsprojekt hat er uns um unsere gestalterische Unterstützung gebeten und uns vor ein paar Wochen in sein Haus in Kassel eingeladen. Wie früher so oft wurden wir hervorragend mit erstklassigem Essen bewirtet, die Gespräche waren intensiv, Corona noch kein Thema, die Veränderungen des Weltgeschehens und der Künste allerdings schon.
Und nun? Sehr plötzlich und vollkommen unerwartet ist Floris Neusüss nicht mehr unter uns – am 1. April ist er gestorben.
Und schon fliegen in unseren Köpfen Bilder gemeinsam erlebter Vergangenheit vorbei: die mit unseren Polaroids aufsteigenden Luftballons am Grab von Nicéphore Niépce, dem Erfinder der Fotografie. Bedeutende Ausstellungsprojekte wie „Fotografie als Kunst – Kunst als Fotografie”, „Kick & Klick – Konzeptkünstler und Knipser”, „Wo der Wildbach rauscht – oder wo rauscht der Wildbach?”, die Fototapetenausstellung zur Bundesgartenschau in Kassel – um nur ein paar zu nennen.
Genauso die Erinnerungen an Mitstudierende, von denen viele später selbst Lehrende wurden: Hermann Stamm, der mit „Das verbotene Leid” den ersten Otto-Steinert-Preis erhalten hat. Hartmut Neubauer und seine Fotografie der Selbstzerfleischung. Kazuo Katase, der stille Japaner – zerrissen zwischen aufgehender Sonne und grauem Kassel. Heiner Blum, der mit dem Tageslichtblitz seinen Abschied von der Fotografie nahm. „Der Grüne”, der die Grenze des noch geteilten Deutschlands abwanderte. Hanno Otten und seine Freunde, die als „Graue Welle” die neue Wildheit in der Fotografie demonstrierten. Und wir beide, „Karl + Gabi”, die bis heute von der Frage leben: Sind wir seit 1982 als MODERNE REKLAME Konzeptkünstler, Fotoskeptiker, Grafiker, Werber oder einfach Gestalter? War unser Platz immer irgendwo dazwischen? Doch eines ist sicher: Floris Neusüss hat uns mitgegeben, dass die Lösung in der ureigenen künstlerischen Idee wohnt, im Konzept ebenso wie im Experiment, im Zufall, in der Begegnung und dem Austausch mit Geistesverwandtem.
Das Projekt werden wir in seinem Namen und im Gedenken an ihn zu Ende führen.
Abb. Zwischen Meister und Hausmeister, 197?
Abb. Neujahrsgruß von Floris, 2020