21/01/2023
Heute ist internationaler Tag der Jogginghose. Zeit, einmal die aktuelle Mode und Arbeitswelt R***e passieren zu lassen und uns ausgiebigst mit dem Kreativen liebsten Kleidungsstück zu beschäftigen.
Die Jogginghose wurde lange Zeit als das Symbol für „ich hab die Kontrolle über mein Leben verloren (Danke Herr Lagerfeld) betrachtet. Heute ist die Jogginghose eine der beliebtesten Beinkleider der deutschen Kreativszene. Wir alle tragen sie, zu Hause, bei der Arbeit (oder zu Hause bei der Arbeit) und natürlich auch Dank Corona in unseren liebgewonnenen Video-Calls, Zoom-Meetings oder Skype-Gesprächen.
Waren wir am Anfang der Pandemie noch darauf bedacht, auch digital eine gute Figur abzugeben, änderte sich dieses jedoch spätestens mit der zweiten großen Welle. Wozu sich jetzt noch zurecht machen, wir sitzen ja alle im gleichen Boot…. Dachten zumindest einige von uns (Verfasser dieses Artikels nicht ausgenommen)
Aber ist diese Denke überhaupt noch zeitgemäß? Gilt nach wie vor der Satz „Kleider machen Leute“ oder ist auch hier wie so oft die Antwort „it depends“, „es kommt drauf an“?
Für die kreative Szene, zu der ich auch mich in gewisser Weise zähle, kann ich sicherlich ohne große Umschweife behaupten, dass die Jogginghose durch die Pandemie keinen neuen Schub bekommen hat. Sie war vorher da, währenddessen da und wird auch nachher da sein. Kreativen, so zumindest unsere Erfahrung, werden modische Entgleisungen dieser Art, nicht übelgenommen, mehr noch, teilweise wird ein lässiges Auftreten sogar vom Kunden unbewusst gefeiert. Wir sind schließlich kreativ, da gehört eine gewisse „Entspanntheit“ einfach auch bei der Arbeit dazu. Und sie ist mega bequem, stört nicht und kann auch mal dreckig werden. So weit, so lässig.
Und dass man nur in angemessener Arbeitskleidung oder Uniform kreative Ideen und Konzepte entwickeln kann, hat auch noch keine Studie bewiesen. Es bleibt also festzuhalten, dass gerade in der kreativen Szene die „Sweatpants“ etabliert ist.
Aber was ist mit all den anderen Berufsgruppen? Vertraue ich meinem Bankberater mein Geld weniger gern an, wenn dieser anstelle eines Anzugs mit einem durchgewetzten Jogger beim Beratungsgespräch auftaucht? Lasse ich mich noch genauso gern von meiner Ärztin untersuchen, wenn diese anstelle eines weißen Kittels mit Hoodie und Sneaker in den Behandlungsraum tritt? Oder wie vertrauenswürdig und kompetent wirkt der Anwalt, der anstatt einer Robe lieber im Adidas-Trainingsanzug zur Verhandlung auftaucht?
Schuldig im Sinne der Anklage….
Für mich als bekennenden Jogginghosenträger kann ich die Frage leicht beantworten: Ja, das macht was mit mir: Arzt | Ärztin, Banker:in oder Anwalt:in strahlen für mich eine höhere Kompetenz und Autorität aus, wenn Sie „angemessen“ gekleidet sind. Meine Wahrnehmung ist dahingehend so weit konditioniert, dass es mir schwerfällt neue Perspektiven zuzulassen. Aber warum ist das so? Wieso spielt das für mich so eine große Rolle? Spätestens seit Corona wissen wir doch, wie ALLE Menschen um uns herum in den eigenen vier Wänden aussehen. Und das ist meistens genauso wie bei uns selbst. Wieso verbinde ich Kompetenz mit dem äußeren Erscheinungsbild? Wieso kann in meiner Welt der Anwalt nicht im Trainingsanzug zur Verhandlung kommen, wenn doch die Kompetenz in keinster Weise davon beeinträchtigt wird? Wieso sollen Bankgeschäfte schlechter laufen, nur weil mein Gegenüber nicht im „feinen Zwirn“ vor mir sitzt und so Erfolg, Macht und Kompetenz ausstrahlt.
Das gleiche beanspruche ich ja auch für mich selbst: Seht mich und meine Leistung und nicht meine Klamotte. Wenn ich mich in meinen schlurrigen Klamotten wohl fühle, kann ich besser arbeiten, kommen mir bessere Ideen, bin ich produktiver. Im Jogger aber zu wichtigen Kundenterminen zu gehen (ich spreche jetzt nicht von internen Meetings) käme mir aber dennoch nicht in den Sinn.
Während ich das schreibe habe ich die ganze Zeit meine Mutter im Kopf, die früher zu mir gesagt hat, als ich mit einer Jogginghose in die Stadt fuhr, dass dies der Anfang vom Ende der zivilisierten Welt sein wird. Ob ich die Aussage verstanden habe? Ich glaube die Tatsache, dass ich diesen Text schreibe beantwortet diese Frage. 🤷🏻♂️