12/06/2026
Haushalt 2026: Hilden verliert seinen letzten Puffer – und die Politik schaut zu
Hilden, 12.06.2026.
Mit dem Beschluss des Haushalts 2026 hat die Stadt Hilden ihre finanzielle Richtung für die kommenden Jahre festgelegt – und die Richtung zeigt steil nach unten. Für das laufende Jahr wird ein Defizit von rund 28 Millionen Euro erwartet, in den Folgejahren droht die Marke von 30 Millionen Euro jährlich überschritten zu werden. Bis 2029 könnten sich die Schulden auf 120 Millionen Euro summieren.
Damit hat sich die Lage sogar noch verschärft, seit erste Entwürfe Ende 2025 von einem Fehlbetrag von rund 26,1 Millionen Euro ausgingen. Innerhalb weniger Monate wurde aus der schlechten Nachricht eine noch schlechtere.
Der eigentliche Kipppunkt: die Rücklage ist weg
Während die abstrakte Zahl von "28 Millionen Defizit" für viele Bürger schwer greifbar ist, gibt es einen konkreten Wendepunkt, der 2026 eintritt: Die Ausgleichsrücklage der Stadt ist ab diesem Jahr vollständig aufgebraucht. Bislang konnte Hilden Defizite über diesen Puffer abfedern, ohne dass sie sofort an die Substanz gingen. Das ist jetzt vorbei. Jeder weitere Fehlbetrag wirkt sich künftig direkt auf die allgemeine Rücklage aus – also auf das tatsächliche Vermögen der Stadt.
Damit rückt das Szenario einer Haushaltssicherung näher, bei der die Kommunalaufsicht verbindlich vorgibt, wo gespart werden muss. Freiwillige Leistungen würden eingeschränkt, Projekte gestoppt, Prioritäten von außen gesetzt – die Entscheidungshoheit ginge in Teilen vom Rat an die Bezirksregierung über.
Bürgermeister: "Nicht mehr in Einklang zu bringen"
Bemerkenswert offen äußerte sich Bürgermeister Claus Pommer bei seinem jüngsten Bürgergespräch: "Die Stadt kann die Einnahmen und Ausgaben nicht mehr in Einklang bringen." Deutlicher lässt sich eine Haushaltskrise kaum eingestehen.
Doch ein Blick in die Zahlen relativiert diese Formulierung. Die ordentlichen Erträge der Stadt steigen von rund 205 Millionen Euro (2025) auf etwa 215 Millionen Euro (2026) – ein Plus von knapp zehn Millionen Euro. Von Stagnation auf der Einnahmenseite kann also keine Rede sein. Das Problem ist nicht, dass nichts mehr hereinkommt. Das Problem ist, dass die Ausgaben noch schneller wachsen als die Einnahmen.
Diese Unterscheidung ist mehr als Wortklauberei. "Einnahmen und Ausgaben nicht mehr in Einklang bringen" klingt nach einem Schicksal, das der Stadt von außen widerfährt – nach Tarifsteigerungen,
Bundesgesetzgebung, Pflichtaufgaben, denen man sich nicht entziehen kann.
Dass die Einnahmen real um fast zehn Millionen Euro steigen, die Ausgaben aber stärker, verweist dagegen auf eine Entwicklung, die zumindest in Teilen Ergebnis eigener politischer Entscheidungen ist – nicht nur höherer Gewalt.
Personalkosten: 2,6 Millionen Euro über Plan
Wie groß der Anteil "hausgemachter" Probleme ist, zeigt ein Blick auf die Personalkosten. Für 2025 waren 71,9 Millionen Euro geplant.
Tatsächlich lagen die Kosten am Ende bei 74,5 Millionen Euro – rund 2,6 Millionen Euro mehr als vorgesehen.
Auch für 2026 räumt die Verwaltung Unsicherheiten ein: Ob die geplanten Ansätze eingehalten werden können, lasse sich laut Kämmerer Martin Wiedersprecher derzeit "nicht seriös vorhersagen".
Im Haushaltsentwurf 2026 sind die Personalaufwendungen mit mehr als 60 Millionen Euro veranschlagt.
Sparvorschläge: Alle gescheitert – an CDU und SPD 😑😑
Dass es nicht an fehlenden Ideen liegt, zeigt der Blick in den Finanzausschuss vom 25. März 2026. Dort lagen zahlreiche Vorschläge zur Haushaltskonsolidierung auf dem Tisch: ein Einstellungsstopp für nicht zwingend erforderliche Stellen (mit Ausnahmen für Feuerwehr und Kinderbetreuung), eine Anhebung des sogenannten globalen Minderaufwands – eines pauschalen Sparauftrags an die Verwaltung, bislang mit rund 1,85 Millionen Euro veranschlagt –, die Verschiebung von Investitionen sowie Kürzungen bei Kultur, externen Beratungen und freiwilligen Leistungen.
Keiner dieser Vorschläge fand eine Mehrheit. CDU und SPD lehnten sie geschlossen ab – ohne eigene Alternativvorschläge mit vergleichbarem Einsparvolumen vorzulegen.
Unabhängig davon, von welcher Fraktion ein Vorschlag stammt, stellt sich die Sachfrage: Sind ein Einstellungsstopp für nicht zwingend notwendige Stellen oder ein höherer globaler Minderaufwand sinnvolle Instrumente angesichts eines 28-Millionen-Defizits – oder nicht? Diese Frage wurde in der Debatte nicht beantwortet, sie wurde mit der Ablehnung der Anträge umgangen.
Auch die Einnahmenseite: Steuererhöhung umstritten
Parallel zur Ausgabendebatte diskutiert der Rat über die Einnahmenseite. Die Verwaltung schlägt vor, den Gewerbesteuer-Hebesatz von 400 auf 450 Prozent anzuheben, was bereits 2026 rund 5,25 Millionen Euro Mehreinnahmen bringen würde. Im Rat regt sich jedoch Widerstand – zusätzliche Belastungen für Unternehmen und Bürger sollen vermieden werden, ohne dass bislang tragfähige Alternativen vorgelegt wurden.
Das Muster wiederholt sich also auf beiden Seiten der Bilanz: Ausgabenkürzungen werden abgelehnt, Einnahmeerhöhungen werden abgelehnt – konkrete Alternativen bleiben in beiden Fällen aus.
Presseanfrage: Ausweichend bei der entscheidenden Frage
Auf eine Presseanfrage von anzeiger24.de, welche fünf größten Einsparmaßnahmen im Haushalt 2026 vorgesehen seien, antwortete die Verwaltung lediglich, die Aufwendungen für Sach- und Dienstleistungen seien gegenüber 2025 um insgesamt 2 Millionen Euro reduziert worden, Einsparungen seien "im gesamten Haushalt" vorgenommen worden. Welche konkreten Maßnahmen dahinterstehen, welche Projekte betroffen sind und wo tatsächlich gespart werden soll, blieb offen.
Auch auf die Frage nach einem möglichen Worst-Case-Szenario verwies die Stadt lediglich auf eine andere Antwort, ohne konkrete Überlegungen oder Vorbereitungen zu benennen.
Zwei Millionen Euro Einsparung stehen einem Defizit von 28 Millionen Euro gegenüber – das deckt etwa sieben Prozent des Fehlbetrags.
Einordnung
Die Stadt Hilden beschreibt ihre Lage selbst nachvollziehbar als ernst. Was fehlt, ist ein erkennbarer Plan, wie diese Lage überwunden werden soll – und zwar auf beiden Seiten: bei der Politik, die jeden Konsolidierungsvorschlag ablehnt, ohne Alternativen vorzulegen, und bei der Verwaltung, die auf konkrete Nachfragen zu Einsparungen und Notfallszenarien ausweichend antwortet.
2026 ist dabei kein Jahr wie jedes andere: Mit dem Wegfall der Ausgleichsrücklage verliert die Stadt den letzten Puffer, der bislang verhindert hat, dass Defizite unmittelbar an die Substanz gehen. Noch verfügt Hilden über eigene Gestaltungsmöglichkeiten. Wie lange das so bleibt, hängt davon ab, ob aus der einhelligen Diagnose – "es ist ernst" – irgendwann eine mehrheitsfähige Therapie wird.
Bericht: Hilden Aktuell, auf Basis der Sitzungsunterlagen des Finanzausschusses, des Haushaltsplans 2026 sowie einer Presseanfrage von anzeiger24.de an die Stadtverwaltung.