05/04/2026
Das ist interessant.
KI braucht dich – als Hilfskraft
Ein Freund rief mich kürzlich an. Fotograf, seit zwanzig Jahren im Geschäft, Werbekunden, Architekturaufnahmen, gelegentlich Kunstprojekte. Er klang seltsam heiter. Er habe, sagte er, einen neuen Job. Ich fragte, was er fotografiere. Bananen, sagte er. Hunderte von Bananen. Von oben, von unten, von der Seite, geschält, halbgeschält, angebissen, überreif, grün. Für eine KI. Damit die lerne, was eine Banane ist.
Ich schwieg einen Moment. Dann fragte ich, ob das sein Ernst sei. Es war sein Ernst. Willkommen in der neuen Kreativwirtschaft.
Das Netz, das uns auffängt – oder fängt
Seit ein paar Jahren hören Kreative immer wieder denselben Satz: Die KI wird euren Job übernehmen. Texter, Illustratoren, Musiker, Fotografen, Cutter, Sprecher, Designer – alle sollen sich warm anziehen, weil der Algorithmus angeblich schon an der Tür klingelt. Und nun, da er tatsächlich angekommen ist, stellt sich heraus: Er kann die Klingel noch nicht ganz alleine bedienen. Er braucht Hilfe. Menschliche Hilfe. Am besten von jemandem, der etwas von Gestaltung versteht.
Das ist keine Erfindung. Das ist Marktreaktion. Plattformen wie Scale AI, Outlier AI, Appen oder Remotasks vermitteln seit Jahren kreative Fachleute als sogenannte AI Trainer oder Data Labeler an Technologiekonzerne.
Was Kreative für die Maschine tun
Nehmen wir die Illustratoren. Einige von ihnen werden derzeit dafür bezahlt, schlecht zu zeichnen. Absichtlich. Schiefe Häuser, einäugige Katzen, Proportionen, die jeder Physiognomie Hohn sprechen. Das Ziel: dem Modell beibringen, was Anfängerarbeit ist, damit es selbst besser wird. Der Profi als Pädagoge seiner eigenen Ablösung, sozusagen. Man muss das kurz sacken lassen.
Texter und Comedians schreiben sarkastische Sätze: „Oh super, schon wieder Montag!“ und prüfen anschließend, ob das Sprachmodell den Unterton erkennt. Erkennt es ihn nicht, wird weiter trainiert. Erkennt es ihn, kommt der nächste Satz. Das geht stundenlang so. Es ist, als würde man einem nahezu blinden Grundschüler erklären, was ein Augenzwinkern bedeutet und dabei zehn Meter weit weg stehen.
Schauspieler und Sprecher nehmen Tausende von Sätzen auf: in verschiedenen Stimmungslagen, Akzenten, Lautstärken. Manchmal auch absichtlich schlecht. Zu roboterhaft, zu gehetzt, zu monoton. Damit die synthetische Stimme weiß, was sie nicht sein soll. Produktivität durch Karikatur.
Videoeditoren sichten KI-generierte Clips und dokumentieren Fehler: Ein Hemd wechselt die Farbe zwischen zwei Einstellungen. Eine Hand hat plötzlich sieben Finger. Der Himmel ist innerhalb von drei Sekunden von bewölkt auf strahlend blau gesprungen, ohne dass jemand daran gedacht hätte, das zu begründen. Diese Fehlerprotokolle sind die Trainingsdaten von morgen.
auf docma.info
https://www.docma.info/blog/ki-braucht-dich-als-hilfskraft