02/08/2024
Adele in München - Profit schlägt People, Planet & Purpose (Anlass zur Kritik an der Nachhaltigkeit im Konzert-Event-Business)
Intro
Auch alte graue Männer können im wahrsten Sinn des Wortes Menschenmengen bewegen - und zwar rund 700. 000: Den Konzertveranstaltern Marek Lieberberg (78) von Live Nation und Klaus Leutgeb (54) von Leutgeb Entertainment ist es gelungen, die 36jährige Britin Adele Laurie Blue Adkins, besser bekannt als Adele, eine der erfolgreichsten Sängerinnen des 21. Jahrhunderts, für 10 Konzerte nach München zu locken.
Die Idee dahinter gefiel Adele, ihrer Familie und ihrer Crew: Denn der Superstar muss nicht zu den Fans in ganz Europa (und Übersee) touren, sondern die „Daydreamers“ - wie sich die Adele-Fans nennen - müssen zu ihrem Pop-Idol reisen.
Pop-, Soul- and R&B-Queen Adele bittet ab 2. August 2024 in München zur Audienz. Nicht im Olympia-Stadion, sondern in einer eigens für Adele gebauten „Pop-up-Arena“ im Osten Münchens mit gleichem Fassungsvermögen von über 70.000 Fans.
Es wird also ein „Adele-August“ in München: Die britische Sängerin tritt insgesamt zehnmal in der Stadt auf. Dafür verbringt sie den gesamten Monat in der bayerischen Landeshauptstadt.
Und die Konzert-Reihe scheint offensichtlich ein gigantisches Geschäft zu versprechen. Der Umsatz könnte eine Milliarde Euro erreichen.
Kapitel 1 : Profit
Die ökonomische Nachhaltigkeitsbilanz dieser Mega-Event-Serie dürfte für die Künstlerin, die Veranstalter, für die Münchner Hotellerie und Gastronomie, sowie für die Stadt München im dunkelgrünen Bereich liegen. Aber nicht alle werden vom Geldregen profitieren.
Man braucht nicht lange nachzudenken, ob die Künstlerin und ihre Veranstalter von den zehn Konzerten im August 2024 profitieren werden.
Adele wird eine Gage zwischen 600.000 € und 700.000 € pro Abend kassieren. Dazu kommt der Pusheffekt auf die Plattenverkäufe.
Und Adele wird sicherlich auch an der bis Mitternacht geöffneten "Adele World", die die Veranstalter als "besonderen Hospitality-Bereich“ bezeichnen, finanziell beteiligt sein, was ihr weiteres Geld in die Kassen spült. Immerhin sollen alle kulinarischen Highlights und der eine oder andere Cocktail in diesem monothematischen Gastro-Park von der Sängerin selbst freigegeben oder beeinflusst worden sein.
Rechnet man mit einem Durchschnittsticketpreis von 200 €, machen allein die Ticketerlöse 140 Millionen € Umsatz aus. Da wird sicherlich genügend für die Veranstalter übrig bleiben.
Das Gros der Adele-Fans aus Nah und Fern hat Konzertreise-Pakete gekauft und wird noch ein paar Tage in München und Umgebung verbringen. Die Stadt München rechnet im August 2024 mit Adele-bezogenen Mehreinnahmen allein für die Gastronomie und das Hotelgewerbe in Höhe von fast 600 Millionen €.
So haben sich zum Leidwesen aller anderen Städtetouristen die Hotelpreise in München während der Adele-Konzerttage bereits verdreifacht. Selbst einfachste Hotelzimmer sind auf Booking.com zur Zeit nicht unter 250 € zu bekommen. Mit rund 500.000 Übernachtungen rechnet die Stadt. Zahlen die Adele-Fans dafür im Mittel 200 €, kommen weitere 100 Millionen € zusammen.
Und ein Hotel in der Innenstadt Münchens wird einen ganz besonders hohen Gewinn einstreichen: Im „Rosewood Hotel“ der Schörghuber-Gruppe residiert die 36-Jährige Ausnahme-Künstlerin zusammen mit ihrer Familie in einer angeblich 451 Quadratmeter großen Suite mit 4 Schlafzimmern, 6 Bädern und 4 Wohnbereichen für 30.000 € pro Nacht.
Aber nicht in jeder Konsequenz können solche Mega-Konzertreihen die lokale, regionale und nationale Wirtschaft ankurbeln: Da der Besuch eines Adele-Konzerts mit Ticket, Anreise, Hotel und Verpflegung sehr teuer ausfällt, werden viele Fans an anderen Stellen sparen. Sei es der nächste Urlaub, das nächste Konzert, die nächste größere Anschaffung oder auch nur der nächste Shop- oder Restaurantbesuch. Blickt man auf das verfügbare private Budget der Konzertbesucher wird hier wohl eine Verschiebung der Ausgaben stattfinden und damit für die lokale, regionale und vielleicht auch nationale Wirtschaft eher eine interne Umverteilung.
Kapitel 2: Planet
Die ökologische Nachhaltigkeitsbilanz dieser Mega-Event-Serie dürfte im tiefroten Bereich liegen.
Da 80 Prozent der Fans, also rund 600.000 Menschen aus dem europäischen Ausland, ja sogar aus den USA, zu den Adele-Auftritten nach München kommen - meist mit dem Flugzeug, wird hier wohl
niemand von einem nachhaltigen Konzert-Tourismus sprechen. Allein der CO₂-Fußabdruck durch An- und Abreisen wird rund 50.000 Tonnen CO₂ betragen.
Die Verpflegung in der Arena und in der daneben erbauten „Adele-Erlebniswelt“, die mit Riesenrad und Foodtrucks eher an ein Volksfest erinnert, und der damit verbundene Müll verursachen hochgerechnet an einem Konzertabend rund weitere 120 Tonnen CO₂, also bei zehn Konzerten circa 1.200 t CO₂
Und letztlich wäre da noch die Konzert-Arena selbst, die von bis zu 1.000 Menschen seit Mai 2024 als „Pop-up-Adele-Exklusiv-Stadion“ aus dem Boden von 75.000 Quadratmeter Fläche, also von der Größe von 60 Fußballfeldern, gestampft wurde. Das gesamte Areal wurde extra mit einem wasserdurchlässigem Material asphaltiert, damit das Publikum auch bei Regen nicht im Wasser stehen muss. Die mit schwarzen Sichtschutz-Absperrungen umzäunte Arena ist 300 Meter breit, der konkave Outdoor-LED-Bildschirm im Stadion soll mit 220 Metern die längste der Welt sein.
Der Pferdefuß der Pop-up-Idee: Dies alles wird nach den Adele-Konzerten wieder zurückgebaut.
Der CO₂-Fußabdruck für den Auf- und Abbau dieser riesigen und wahrscheinlich so noch nie da gewesenen, „Pop-up-Konzert-Arena“ beträgt Experten-Schätzungen nach noch einmal rund 100.000 Tonnen CO₂.
Kapitel 3: People
Die soziale Nachhaltigkeitsbilanz dieser Mega-Event-Serie fällt in vielerlei Hinsicht mindestens in den gelben Warn-Bereich.
Ein Happening für die Münchner Stadtbevölkerung wie bei den Taylor Swift-Konzerten im Olympiastadion, als sich rund 50.000 Schaulustige ohne Tickets rund um das Olympiastadion trafen, um der Künstlerin zu lauschen und den einen oder andere Blick zu ergattern, wird es bei den Adele-Konzerten in der rigoros abgeschotteten Pop-up-Arena jedenfalls nicht geben.
Kritiker meinen, hier würde bereits der gewisse „Human Touch“ fehlen.
Dazu passt auch, dass von den Konzerten des britischen Mega-Stars in München die fotografierende und filmende Presse ausgeschlossen wurde. Es wird also keine Pressebilder und keine Videos in den Medien geben.
Die Nichtzulass von Foto- und Videojournalisten auf den Adele-Konzerten und der rigorose Ausschluss von nicht zahlenden und nicht zahlen könnenden Fans sind Gepflogenheiten, die irgendwo zwischen Starallüren, Arroganz und Kommerz anzusiedeln sind.
Zu denken geben sollte einem auch, dass Adele selbst sich nicht scheut, vor Pressevertretern in München zuzugeben, dass sie nach dieser Münchener Mega-Event-Serie erst einmal lange nichts machen wolle, denn „ihr Speicher sei im Moment ziemlich leer.“ Sie würde sogar selbst privat gar nicht mehr singen. Keine besonders glückliche Äußerungen unmittelbar vor Adeles ersten Konzerten!
Und viele Menschen in der Landeshauptstadt müssen durch so eine Mega-Konzertreihe auch so einige Einschränkungen in Kauf nehmen. Die Stadt und der ÖPNV werden voller denn je sein. Die Münchner U-Bahn kann pro Stunde 13.000 bis 16.000 Fahrgäste transportieren. Wenn über 70.000 Fans nach dem Konzert in ihre Hotels zurückfahren wollen, könnte das im schlimmsten Fall bis zu drei Stunden Wartezeit für die Fans und überfüllte Waggons für alle sonstigen Fahrgäste bedeuten.
Kapitel 4: Purpose
Die kulturelle, also moralische und ethische Nachhaltigkeitsbilanz dieser Mega-Event-Serie kann man ebenso nicht mehr im
grünen Bereich ansiedeln.
Nicht nur erst seit diesen noch nie dagewesenen Mega-Konzerten in einem eigens für Adele gebauten „Pop-up-Stadion“ sind Konzerte etwas für privilegierte Menschen geworden.
Spätestens bei Preisen für Ticket, Verpflegung und Anteise von bis zu 2.000 € wird der Zugang zur Kultur zum Statussymbol von finanziell gut ausgestatteten Fans oder von Menschen, die monatelang dafür gespart haben, um ihren Star einmal etwas näher zu kommen.
Vielleicht sollte man mit Blick auf diese Ticketpreise die damit verbundenen Reise-, Hotel- und Gastro-Kosten nicht vergessen, dass in München rund 270.000 Menschen unter der definierten Armutsgrenze leben, dies sind ca. 18% der Gesamtbevölkerung Munchens. Davon sind ca. 10.000 Menschen wohnungs- oder obdachlos.
Und denkt man wirklich böse, wenn man dem Chaos bei den Online-Ticketverkäufen für die Adele-Konzerte ein gewisses System unterstellt? 2,2 Millionen Menschen haben sich angeblich um die avisierten 800.000 Tickets zu Preisen von 79 € bis zu 430 €. beworben. Auch eine "Platin"-Kategorie für 698 € war dabei. Die günstigen Tickets für 79 € waren im System ebenso wie die Sitzreihen jedoch erst einmal nicht zu finden, waren dann aber ein wenig später plötzlich wieder im Onlineshop zu sehen. Zuletzt gab es trotz des angeblichen Ausverkaufs auf einmal wieder Karten und die wurden als „Lucky-Dip-Tickets“ für 35 € das Stück feilgeboten, inklusive aller Gebühren.
Der Autor ist Dozent für Sustainable Management & Marketing Strategy an der Hochschule Fresenius München