22/02/2026
+++ Kritische Verwandte +++
Wenn ich Autor:innen frage, ob sie ihr Manuskript denn schon einmal jemandem zum Lesen gegeben haben, lautet die Antwort oft: Der Familie oder dem besten Freund habe man es gezeigt. Okay, und wie fiel das Feedback aus? Natürlich "positiv", fast immer mit dem Nachsatz: "Meine Frau ist meine schärfste Kritikerin", alternativ der Ehemann, die Tochter, der Sohn usw.
Mit dem "ehrlichen Feedback" aus dem Familien- oder Bekanntenkreis ist das so eine Sache: Ja, die sagen es, wenn ihnen ein Text nicht gefällt. Sie formulieren ihre Kritik aber so, dass sie dem, der nach der Meinung gefragt hat, nicht wehtut und er eine irgendwie positiv geartete Rückmeldung daraus entnehmen kann. Wer sagt dem Papa schon offen ins Gesicht, dass er sich da Quark aus der Birne geschraubt hat, den er besser ganz schnell entsorgt! Macht keiner, es sei denn, er ist gerade vollpubertär und muss sich vom Erzeuger* abgrenzen.
Die emotionale Bindung zu einem geliebten Menschen, unsere Sozialisation und Erziehung verbieten uns, einem engen Familienmitglied oder Freund schonungslos unsere ehrliche Meinung sagen. Obwohl wir es tun sollten.
Häufig kommen Abhängigkeitsverhältnisse hinzu: Wenn der Sohn oder die Tochter noch am Finanztropf des Erzeugers hängen, überlegen sich Filius und Filia gut, was sie wie sagen.
Wenn man abhängige Nicht-Verwandte/Bekannte nach ihrer Meinung fragt, bekommt man definitiv Akklamateure: Herr H. aus L. (immer noch das allerbeste Beispiel) arbeitet u. a. als Dozent und liest in seinen Seminaren schon mal aus dem höchstselbst verfassten Roman vor. NIEMAND im Kreis der Zuhörenden wird sich JEMALS vor versammelter Mannschaft negativ darüber äußern! Aus Höflichkeit und aus ANGST, dass sich das möglicherweise für ihn oder sie persönlich im weiteren Verlauf der Veranstaltung nachteilig auswirken könnte. Das Gleiche trifft auf Kolleginnen und Kollegen zu, die einem unterstellt sind. Ehrliche Meinung? Never ever? Wer als narzisstische Persönlichkeit Akklamateure sucht, der wird sie finden.
Ein weiterer Aspekt: In den seltensten Fällen verfügen Familienangehörige, Freunde oder Kollegen über die literaturwissenschaftliche und vertriebliche Kompetenz, die Qualität und die Vermarktbarkeit eines Manuskripts einigermaßen objektiv beurteilen zu können. Man erhält Meinungen, vom persönlichen Geschmack gefärbte Ansichten.
Von wem erhält man denn dann ein ehrliches Feedback? Für Autoren enttäuschenderweise meistens in Form der x-ten Absage eines Verlags, dem man das Manuskript angeboten hat. Oder vom Lektor, den man schließlich dafür bezahlt, das Manuskript kritisch zu prüfen, vom Lektor, der das Manuskript Wort für Wort, Satz für Satz auseinandernimmt und kritische Anmerkungen zur Überarbeitung ins Dokument einfügt. Ja, das tut oft weh! Kritik zu akzeptieren und als Vorschlag zur Verbesserung zu verstehen, ist jedoch für Autorinnen und Autoren unabdingbar. Ein erfolgreiches Buch ist immer das Ergebnis vieler guter Ideen von vielen Menschen, die daran mitgewirkt haben. Ein erfolgreiches Buch ist immer das Ergebnis eines harten Ringens um den bestmöglichen Text, die bestmögliche Visualisierung und Realisierung.
Was ich dir empfehlen kann? Wenn dir ein Verlag eine Absage schickt, frage nach, warum dein Manuskript abgelehnt wurde! Nimm dir zu Herzen, was man dir antwortet! Denk über das Feedback deines Lektors nach! Wisch es nicht weg nach dem Motto: Ach, der weiß doch gar nicht, was ich mir dabei gedacht habe. Doch! Wenn er gut ist, dann hat er deine Intention verstanden, sie hat ihn aber nicht überzeugt.
Herr L. aus H., pardon!, H. aus L., sei an Sigurd (Siegfried), den Drachentöter, erinnert, den Hochmut, Selbstüberschätzung, Manipulateure und Einflüsterer zu Fall brachten. Immerhin hatte Sigurd/Siegfried aber schon eine Karriere hingelegt, als ihm Hagen das Schwert in den Rücken rammte.
*Alle Geschlechter mitgemeint.