17/05/2012
Social Media-Management in der Praxis – oder: wie umgehe ich die Facebookfalle?
Der Hype um Social Media scheint sich allmählich abzukühlen und die Normalität im Social Media-Bereich zieht ein. In vielen, wenn nicht sogar den meisten Unternehmen gehört der Umgang mit sozialen Online-Medien nun zum Alltagsgeschäft. In der Hotellerie werden inzwischen im Marketingbereich auch so genannte Social Media Manager vermehrt eingestellt. Doch was beinhaltet diese Position überhaupt? Surft ein Social Media Manager den ganzen Tag auf Facebook herum und trinkt dabei Kaffee?
Diese Frage kann ich verneinen – und Kaffee mag ich sowieso nicht. Mein Arbeitstag als Marketing- und Social Media-Managerin für das 4 Sterne-Superior-Resort „Gräflicher Park Hotel & Spa“ (Bad Driburg, NRW) beginnt oft schon vor dem Betreten meines Büros: Noch zuhause überprüfe ich unsere Hotel-Facebookseite, ob es neue Gäste-Einträge auf unserer Pinnwand gibt. Social Media-Management beinhaltet aber darüber hinaus eine Vielzahl an Aufgaben, die ich implementiere, koordiniere und natürlich auch überwache. Damit zähle ich wohl zu einer Ausnahme: Social-Media-Spezialisten kommen bisher überwiegend bei großen Firmen zum Einsatz. Mehr als ein Viertel (28 Prozent) der befragten Unternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz haben bereits Mitarbeiter, die sich um die Kommunikation im Web 2.0 kümmern. … Unter den Kleinunternehmen haben erst 4 Prozent einen Social Media Experten. (Quelle)
Social Media Management – Implementierung, Koordination und Controlling
Unser Hotel ist in diesem Bereich auf den diversen Plattformen breit aufgestellt:
Unsere Facebookseite zählt über 1.000 (aktive!) Fans,
Bei Twitter folgen uns über 300 Follower
Wir sind auf Youtube vertreten und auch auf Flickr,
Google Places haben wir „geclaimt“,
Ebenso ist unser Hotel bei Foursquare, Wikipedia und Google +,
Darüber hinaus befüllen wir so fleißig wie es geht unser Blog.
Extrem wichtig für meine Arbeit ist das Reputation Management/Social Media Monitoring, also die Überwachung aller positiven und kritischen Meinungen über unser Hotel im Web, sei es auf einem Blog, einem Forumseintrag oder ganz klassisch als Bewertung eines Gastes bei HolidayCheck und Co. Das Aufspüren dieser Meinungen und das Erahnen von Trends und Tendenzen sind absolut essentiell für die Umsetzung von Veränderungen im Betrieb, für das Qualitätsmanagement und nicht zuletzt für die Mitarbeitermotivation und –information.
Als Gründerin unserer Social Media-Präsenz habe ich eine Strategie zur Nutzung der Web 2.0.-Kanäle entwickelt, festgestellt, welche Ressourcen (zeitlich, personell, finanziell) dafür in Frage in kommen und nicht zuletzt die Frage nach dem ROI gestellt – wie so oft bei Social Media schwer messbar. Dann wurden die einzelnen Präsenzen als Projekte definiert und teils mit externer Agenturhilfe (z.B. das Buchungstab auf der Facebookseite) eingeführt.
Authentische und offene Kommunikation auf allen Kanälen – extern und intern
Gerade was unser Blog angeht, fungiere ich auch als Online-Redakteurin, von der Themenfindung über Identifikation geeigneter Gast-Blogger bis hin zum eigenständigen Verfassen (suchmaschinenoptimierter) Texte – unter Berücksichtigung der Authentizität. Von einer Agentur vorgefertigte Posts sind für uns tabu, bei uns ist alles „handmade“ – und spricht die Sprache unserer Gäste. Sehr hochgestochene und verschachtelte Formulierungen oder extrem werbliche Texte möchten wir daher nach Möglichkeit nicht verwenden. Ein höflicher und freundlicher Ton ist bei uns selbstverständlich.
Darüber hinaus stehe ich als Ansprechpartnerin aller in der Unternehmensgruppe Graf von Oeynhausen-Sierstorpff befindlichen Unternehmen – Gräfliche Kliniken, Gräfliche Quellen und natürlich auch für die Mitarbeiter des Hotels – als Informationsquelle zur Verfügung, wenn es um Entscheidungen in Bezug auf Social Media-Präsenzen geht oder darum, Mitarbeiter im Umgang damit zu schulen. Viele unserer Mitarbeiter betreten schon beim Anlegen eines privaten Facebook-Profils oder eines XING-Accounts absolutes Neuland oder wollen einfach mal mit mir zusammen „reinschnuppern“, worum es dort überhaupt geht. Auch unsere Azubis versuchen wir in der Hinsicht zu sensibilisieren.
Bei meiner täglichen Arbeit kommt mir mein abgeschlossenes interkulturelles Studium in „European Tourism Management“ zu Gute, in dem viel Teamwork mit den unterschiedlichsten Charakteren geprobt wurde (was durchaus mit den verschiedenen Abteilungen eines Hotels vergleichbar ist, die gemeinsam zum Erfolg geführt werden müssen). Kommunikationsfähigkeit, soziales und technisches Verständnis sind unverzichtbar für einen Social Media Manager – da sind wir „Digital Natives“ klar im Vorteil, die mit dem Internet aufgewachsen sind, ihre starke Online-Affinität auch privat ausleben und kaum Berührungsängste auch mit unbekannten Technologien haben.
Multichannel-Marketing: Online ergänzt Offline und umgekehrt
Die abteilungsübergreifende Kommunikation ist bei neuen Projekten immens wichtig – die Kollegen identifizieren eigenständig beispielsweise „facebookrelevante“ Themen wie z.B. besondere Veranstaltungen und fragen dann direkt bei mir an, ob man diese im Web 2.0 weitergeben kann. Oft ist auch eine Verzahnung mit klassischen Werbeaktivitäten wie Printanzeigen, also Multichannel-Marketing, sinnvoll. Dies ergibt sich oft bei regionalen Events oder Verkaufsaktivitäten wie z.B. bei einem kinderfreundlichen Osterbrunch, der hauptsächlich von Gästen aus der Region frequentiert wird. Diese erfahren entweder via Facebook darüber oder durch Anzeigen in der Lokalpresse. Generell freuen wir uns über den sehr hohen Zuspruch und die Vernetzung mit Bad Driburgern und ihren Unternehmen in der Umgebung.
Die Social Media-Arbeit erledige ich eigenständig, aber meine Kolleginnen aus dem PR- und Sales-Bereich unterstützen mich natürlich, ob es nun um Input aus einem Barcamp geht oder um das Schreiben eines guten Blogartikels. Auch die Fanpage wird von einem mehrköpfigen Team betreut, darunter der Chief Marketing Officer und Annabelle Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff höchstpersönlich. Der Marke ein Gesicht zu geben und auch persönliche Einblicke bis zu einem bestimmten Grad zuzulassen ist eines unserer Ziele – und ein Alleinstellungsmerkmal.
Guest Relations über Social Media: Digital Natives unter sich
Auch Guest Relations spielen im Social Media-Bereich eine Rolle – so zum Beispiel bei der Behebung von kleineren Problemen wie z.B. schlechtem WLan-Empfang, auf die ich durch das Monitoring bei Twitter aufmerksam werde (so beispielsweise geschehen bei einem Besuch des Online-Experten Klaus Eck). Durch schnelle Weiterleitung an das Front Office-Team können so Maßnahmen im Hintergrund ergriffen werden, um den Gast schnellstmöglich zufrieden zu stellen.
Im Alltagsgeschäft macht „klassisches“ Marketing im Gegensatz zu Online-Marketing ungefähr 50% aus. Anders als einige Hotels verzichten wir nicht auf Print und Broschüren, sondern sehen Social Media als gute Ergänzung der Vertriebskanäle. Daher kann es vorkommen, dass in Print-Produktionszeiten der Web 2.0.-Bereich etwas nach hinten gestellt wird, aber zu anderen Zeiten klar bevorzugt bespielt wird. Dennoch beschäftige ich mich täglich mehrere Stunden damit, um die Einträge so aktuell wie möglich zu halten und das Monitoring zu betreiben.
Und um die eingangs erwähnte Facebookfalle zu vermeiden: Natürlich werde ich von manchen beneidet, dass ich die Freiheit habe, einen großen Teil meiner Arbeitszeit in sozialen Netzwerken zu verbringen. Es sollte aber nicht außer Acht gelassen werden, dass dies keine private Nutzung ist, sondern den Unternehmenszielen dient. Darüber hinaus stellt Facebook zwar einen wichtigen Kanal dar, aber kaum weniger wichtig ist die Arbeit auf den weiteren Plattformen und Seiten – und natürlich die weitere Marketingtätigkeit (Print! Suchmaschinenoptimierung! Newsletter! …). Daher rate ich allen angehenden Social Media Managern, auf ihr Zeitmanagement zu achten, sich nicht in den Weiten des Internets zu verlieren (ja, es gibt unheimlich interessante Seiten zum Stöbern und man kann dort Stunden zubringen, ein fantastisches Ausflugsziel zu recherchieren, was man mit entsprechenden Hintergrundinfos sehr schön an die Web 2.0.-Öffentlichkeit bringen könnte…) und im Auge zu behalten, dass es noch eine reale Welt mit echten Stakeholdern gibt. Dann entgeht man auch der Facebookfalle.
Quelle: Holidaycheck Campus