11/06/2018
Mein Veranstaltungstip: https://www.co-berlin.org/irving-penn-centennial-berlin
Seine Bilder erinnern an Gemälde. Sorgsam komponiert, selbst oder gerade auch in schwarz-weiß ausdrucksstark. Wer die Bilder des großen Fotografen Irving Penn kennenlernen oder wiederentdecken will, der ist im kleinen, aber berühmten Fotomuseum C/O Berlin im Amerikahaus in Berlin gut aufgehoben.
Betritt man durch das Vestibül die Ausstellungsräume, empfängt den Besucher ein lebensgroßes Portrait. Es zeigt einen Mann in weiten hellen Chinos, Oberhemd mit Krawatte und Lederjacke, der sich auf eine Kamera stützt. Der Mann auf dem Schwarz-weiß-Bild ist „Irving Penn – Centennial. Der Jahrhundertfotograf“. So lautet der Titel der großen Retrospektive, anläßlich des 100. Geburtstag des Starfotografen. Die Ausstellung wurde mit rund 240 Exponaten vom The Metropolitan Museum of Art, New York in Zusammenarbeit mit der Irving Penn Foundation gestaltet. Neben den berühmten Portraits von "Audrey Hepburn"über Warren Beatty bis Truman Capote, Marlene Dietrich, Salvador Dalí, Pablo Picasso oder John Galliano - International, bietet die Ausstellung Einblick in das über 70 Jahre dauernde Werk des langjährigen Titelfotografen der Modezeitschrift Vogue. Über 160 Cover und zahlreichen Modestrecken hat er hinterlassen. Abstrakte weibliche Akte, Studien von Blumen oder Zigarettenstummeln oder auch Bilder von Kindern in peruanischer Tracht, Ureinwohner Neuguineas, verschiedene Portraits von heute teilweise ausgestorbenen Handwerksberufen – Penn hat ein vielfältiges OEuvre hinterlassen. Als Modefotograf für die wurde er weltberühmt, aber Penn beherrschte die unterschiedlichsten Genres. Nicht umsonst gilt er bis heute als stilprägend.
Penn, der von 1917 bis 2009 lebte, absolvierte nach der Highschool ein Studium der Gestaltung an der Museums School of Industrial Art. Anschließend ging er als Assistent zu Alexey Brodowitsch, damals einflußreicher Art Director der Zeitschrift Harper's Bazaar. In dieser Zeit kaufte Penn seine erste Kamera: eine zweiäugige Spiegelreflexkamera von Rolleiflex USA. 1941 kündigte er bei Brodowitsch und ging nach . Erste Fotoaufnahmen zeigen Studien von Ladenfronten, Straßenschildern und Reklametafeln in Philadelphia, New York und Mexiko. Sie sind visuell klar und gelten als thematisch passend zur Depressionszeit der späten 30er. Sie haben den Stil der Dokumentarfotografie. Bereits in dieser Zeit soll Penn die für ihn typische Strenge und Konzentration bei Stilleben entwickelt haben, die später seine Bilder auszeichnete. 1943 fing der 26-jährige bei der Vogue an.
1945 kehrt Penn nach seinem Kriegseinsatz zur Vogue als Fotograf zurück. Da Art Director Alexander Libermann den Mitarbeiter fördern wollte erteilt er ihm den Auftrag Prominente zu portraitieren. Zwar wurde ihm vorgeschrieben, wen er zu fotografieren hatte, die Art und Weise blieb ihm aber freigestellt. Am Anfang arbeitete er mit einem über alte Kisten geworfenen Teppich, später mit zwei im spitzen Winkel aufgestellten Flächen. Diese puristischen kargen Bilder begründeten den Ruf von Irving Penn. Sie gelten als existentielle Portraits.
Mit einem Theatervorhang inszenierte und kontrollierte Penn seine Portraits von Prominenten oder Handwerkern, die er Anfang der 50er Jahre schuf. Besonders beachtenswert ist dabei ein Bild des jungen Richard Burton, das ihn in einer selten gesehenen Jugendlichkeit zeigt.
Von 1967 bis 1971 gönnte sich Irving Penn eine Auszeit und lebte seinen Traum. Er reiste mit seinem Zeltstudio um die Welt und fotografierte Menschen. Afrika, Südamerika und Neuguinea. Er schreibt dazu: „Das Atelier wurde für jeden von uns zu einer Art neutralem Raum. Es war nicht ihr Zuhause, denn ich hatte diese fremde Umgebung in ihr Leben gebracht, es war aber nicht mein Zuhause, denn ich kam eindeutig aus der Fremde, aus großer Ferne. Doch eben dieser Schwebezustand ermöglichte uns beiden den Kontakt und das war für mich eine Offenbarung. Und ich erkannte, dass auch für Portraitieren oft eine bewegende Erfahrung war, konnten sie doch ohne Worte – allein durch ihre Haltung und Konzentration – vieles ausdrücken, das die Kluft zwischen unseren unterschiedlichen Welten überbrückte.“
Diese Bilder, wurden in dem Buch „Wolds in a small Room“ 1974 veröffentlicht. Die Fotos zeigen sorgfältig gebaute Gemälde mit einem außergewöhnlichem Detailreichtum. Sei es, dass man die Schnittmale als Körperkunst der afrikanischen Frauen aus Benin genauestens erkennen kann oder dass es ihm1970 in Neu Guinea Kulturen zu fotografieren, die bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts von der Zivilisation unberührt geblieben waren. Auch bei seinen Arbeiten in Marokko gelang es Penn Menschen in ihrer Natürlichkeit abzubilden und gleichzeitig sie eine Würde austrahlen zu lassen.
In seinen späten Jahren verlegte sich Penn wieder mehr auf Stilleben – er experimentierte jetzt mit verschiedenen Sujets und nannte die Fotoserien: Flowers, Street Material, Archaelogy, Vessels und Underfoot. Dem Betrachter bieten sich die unterschiedlichste Schöpfungen aus Blumen, Abfall, Zigarettenstummeln und manch anderem dar als Anblick, wie sie wohl nur von Penn geschaffen werden konnten.
Dem C/O ist es gelungen mit dieser Retrospektive eine Ausstellung nach Berlin zu holen, die sehenswert ist und über Jahre Werk eines stilbildenen Fotografen zeigt.
C/O Berlin Irving Penn Alfred Hitchcock Marlene Dietrich