10/01/2021
SHORT STORY / LESEZEIT: 7 min
MANN STIRBT SCHLECHT
Der Regen war schmal und lang. Ich saß in meiner Bude und trank, trainierte mein Vergessen mit schlichtem Gin. Irgendwann stand ich auf - das tat ich immer – fraß, jammerte kurz und bündig, besorgte grenzwertig mein Leben, setze mich wieder in den toten Winkel meiner Bude und trainierte.
In meinen schiefen, bulligen Nächten schräge Träume.
Eine meiner Nachtschichten:
Ich lungere in einem russischen Zirkus und komme mir vor wie das dumme Kind einer stumpfsinnigen Familie. Mit Zirkusirrsinn abgespeist, während die anderen jämmerlichen M***e in ´nem 3D-Kino lenzen und turmhohe Popcorneimer leerschlingen; ihre verrammelten Latschen auf die Vorderlehnen drapiert wie Karnickelohren. Der verranzte Zirkus mit allem Glitzer und Schnörkel, Nippes und Tand, Drum und Dran, Clowns sowieso. Dazu ein funkelnder Zauberer: flapsig und fittich. Ein kaputtes Kamel, erloschene Elefanten, paar verstellte Tiger. Pferde, die ihren Ehrgeiz überwunden haben. Zerrupfte Löwenmähnen. Hasen und Tauben aus‘m Zylinder, ein krummer Esel mit Rückgrat – irreversibler Eigensinn zwischen den Wirbeln. Blicke wie Brüche.
Akrobaten mit fetten Ranzen und weißen Plastikkostümen. Leberwurstgeruch bis zum Unterlid. Fliegen, viele Fliegen, silbergrün die bestimmende Farbe. Die ganze alte Leier des Schaustellerwahns.
Weiter geht‘s: gammeliges, geflicktes Hochseilzeugs, Stangen, Schaukeln und Netze, wohin das reife Auge reicht…lausige Kuppelzeltromantik. Dazu ein hitziger, hauchdünner Dompteur, der wie ein verrückter Vogel hin und her flattert. Intern roh und lustlos mit russischem Schick. Sein Gesicht: porentief. Eine lila Suffpolkanase obendrauf, die auf seiner Dunstbirne thront, wie eine schlechte Erdbeere auf einer schlechten Torte. Zur verwaschenen Klamotte abgehalftert zeigt er Nerven ob eines schreiendes Zuschauerschwachkopfes: „TIGERFICKER!“.
Vertritt sich kurz vor Schluss seiner langatmigen Raubtierschwärmerei und brennenden Reifenmätzchen. Rudert – das fehlte noch – mit den Armen – wilder und wilder und wilder – bis er aufgibt und lustlos dürr zu Boden faltet.
Ein kurzes Flattern? - Aber nein, auch nur ein Mensch ohne mystic verve. Fallsucht seit geschlagenen Jahren.
Der Tiger: groß, superschwer, graziös, neuwild; setzt maßlos an, ohne Zögern. Hatte jahraus jahrein Geduld bewiesen, bis ihm der Faden riss, aus irgendeinem naheliegenden Grund. Wartete auf seine Gelegenheit, seit er als kleines Tigerlein, der Mutter Zitzen entrissen, abgrundtief verzweifelt mauzend, von hier nach da geschippert wurde, da fast ersoff, hier ankam...um: ZU SPRINGEN. Des Dompteurs bester Tiger im Stall: Master Piece of Art. Abgewartet also wie ein Musterschüler auf seine erste miese Note, dieses 600 Pfund clevere Kerlchen. Gelauert auf Gelegenheiten, Freude und Arbeitswille vorgegaukelt, als wär‘s ein possierliches Wildlein. Er setzt an: ein Sprung, kein Innehalten, ein Biss in die rechte Flanke des Bändigersuffkoppes. Kein Innehalten. Es knirscht und schmatzt und reißt und zerrt, ein saftiges Stück zitronengelbe Saufleber und ein Waschtrog voll Darmschlingen flatschen auf Sägespäne...blutgeschwemmt.
Ein Innehalten.
Der Darm ist beim erwachsenen Mann ungefähr fünfeinhalb Meter lang und besitzt wegen der feinen Darmzotten eine Oberfläche von etwa 32 Quadratmeter - meine Fresse, mein Gott: auf die hiesigen Quadratmeterpreise hochgezockt macht sein Tod locker eins-drei kalt plus Nebenkosten.
Was für ein ausufernder Schlamassel in der Manege: der Tiger, mit Liebe zum Detail, beißt und reißt des Dompteurs fleischige, dummgestillte Lust aus der ordinären Dompteurhose - raus aus der Scham-Bein-Pfanne. Schlingt sie rein und stillt seine alte Natur. Schleckt über das klaffende Loch Lust, hebt seinen massigen Kopf, spitzt die Ohren, schaut sich um - vermisst nichts. Schwungvoll und weich bewegt er sich auf den Kern des Dompteurs zu.
Kein Innehalten.
Spannt sein grenzenloses Tigergebiss über den Kopf des Russen, fixiert, richtet. Sein Maul lädt durch und lässt knacken. KNOARCK. Blut-Hirn-Schranke mit einem Biss durchbrochen. Der Erlegte blutet ampelfarben aus den Bruchteilen seiner russischen Frettchenfresse. Farbgedanken. Dann: Traumfigur dahin.
Ein scharfer Schrei, bis seine Seele reißt. Kaum zu glauben, dass so viel hart gesottener Mann so hysterisch, so mädchenmäßig wimmern kann. Wähhh….Wähhhh…AhhhhhhhWäähhh. Voll peinlich und so, völlig verdreht und kursiv wie eine verrückte Puppe im Glitzerkostüm. Aus den Ohren rinnt mit jedem Herzschlag Rot über Rot bis sich Leere ergibt.
Nach kurzer Eingewöhnungszeit des Publikums bricht GeschreiGejohleGetöseGedöns aus. Einer gähnt – Übersprungshandlung aus reinstem Gold. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen: die Coolen werden lässig, die Opfer stagnieren durch. Ganz ehrlich? Mein verträumtes Hirn braucht auch etwas, um den Katzenjammer ordnungsgemäß zu sortieren. Es hatte ihn erst im Ironiezentrum verballhornt, was mir ein verträumtes Lächeln abverlangt. ...dann, nach kurzem update: der Raubtierrausch wird im Empathiezentrum verstanden. Das Lächeln bleibt, dank Mutterwitz.
Einen Sekundenbruchteil später: Da kommt der Zauberer.
Baumarktillusionen zaubern ihn ran. Ein Firlefanzblitz mit lautem Donner aus dünnem Metall, dazu Nebel, grau wie aus einer schwächelnden Maschine. Der Zauberer steht neben dem Toten in spe, steht groß und funkelnd mit Hut, der eines Magiers würdig: Spitz und Gold und Krepp und Krempe. Der Zauberer wirbelt märchenhaft irre um seine schneidige Achse, beugt sich über den angezählten Artistenboy …6,7,8... stupst ihn mit seinem Zauberstab, bis sich Sternenglitter über des Mannes gesamten Körper errieselt und den Angefressenen bläulichgrün funkeln lässt. Ein leuchtendes Würmchen im Spektrum des Achates.
Und das passiert: Der Zauberer hat es wirklich gecheckt, den windelweich zerrupften Russensportivo auf die Beine zu zaubern. Sauber. Ich meine, er war hackedicht am Tod und jetzt steht er da – stolz - winkt den Zuschauern zu, verschwindet überzeugend lebendig Hand in Hand mit dem Zauberer Richtung Manegenausgang.
Ich wache auf, Schweiß bricht sich auf meiner kalten Stirn.
Ich lasse mich noch tiefer sinken.
Einen Drink noch.
Ein wenig geht noch.
Ein Jahr und paar Monate später.
Der Nebel war verflogen, die Sonne blutjung. Ich saß in meiner Bude und soff; trainierte mein Vergessen mit schlichtem Gin. Irgendwann stand ich auf, das tat ich immer. Doch dieses Mal blieb ich stehen. Schwungvoll, versifft und erwacht. Rund 4,4 Mrd. Jahre Erde, davon rund 4,4 Mrd. Jahre Leben, davon rund 2,8 Mio. Jahre Menschsein: Evolution bis an den Rand der Erschöpfung.
Ich dusche mich erstklassisch (mit Rasur), gönne mir seit langem Zahnseide. Dann Kleiderschrank auf: ein Piratblue, schmal, lässig und 100% präzise; weißes Hemd, Krawatte, Manschettenknöpfe. Ein Sammelsurium guten, überteuerten Geschmacks – maßgeschneidert und korrespondierend halt.
Dann Wandtresor auf: mein Gral. Ein Päckchen Bicycle Pokerkarten: mein Luck. Eine Packung Cyanid: meine Güte. Eine 9mm. Sieben Schuss: meine Zahl. Ein Kasumi Sashimi Filetiermesser (groß, Sonderanfertigung); 32 Lagen Damaststahl; 27er Klinge; 390 Gramm; einseitig geschliffen: meine Wildheit.
Mein Glaube: Eine Waffe hat man oder hat man nicht. Ein paar Pfund Ansichtssache. Nur ein Quäntchen vorbereiteter, vernunftwidriger und dennoch logischer. Ich bin gern vorbereitet.
Ich schlüpfe in den Anzug, verstaue alles in meine Anzugtaschenparade. Das Kasumi bandagiere ich mir ellenlang mit Klebeband an meinen linken Unterarm. Ich wirke unauffällig (bis auf meine Augen: Trauer und Suff). Klarer Stil, seriös und dry. Dinge geschehen eindrücklicher und diffiziler mit Stil.
Es ist ein ehrlicher Spätsommermorgen, eindringlich und sanft. Ich werde mich im Sonnenlicht baden…gleißend und rein. Und schon rast die erste S-Bahn herzerweichend durch meine Hütte. Nüchtern halt. So Clean. Meine beschissene Hütte steht wie jede beschissene Hütte, in jeder beschissenen Stadt, die auf jedem beschissenen von Menschen verkorksten Planeten entsteht - in diesem verklärten, von Menschen angehimmelten Universum - neben einer S-Bahn.
…Ich liebe meine Stadt, ich bin komplex.
Ein Telefonat noch: Es klingelt, jemand hebt ab, ein gelangweiltes: “Ja?“ Ich frage: “Ist da Wagner?“. Antwort: „Sorry, hier wohnt kein Wagner, Sie haben sich verwählt.“ Ich entschuldige mich und lege auf. Er ist es.
Mein Anzug sitzt wie angedacht, bis auf die kleine Trauerwampe, die mein Hemd mittelschwer spannt. Recht hat sie. Meiner Geschmeidigkeit tut das keinen Abbruch. Seidenweich, aber bestimmt flaniere ich durch die Straßen – ah, der alte Sullivan, der eigentlich Schmidt heißt, mir doch egal.
Eins weiß ich, ich habe einen großen Appetit nach Leben und arroganter Sonne und launiger Stadtluft und auf Eier mit krossem Speck. Viel Speck, die Eier glibberiger als das Wort selbst. O-Saft und einen Kaffee – kohlereviergroß. Heiße, dampfende Krapfen. Oh Yesss.
Ich betrete das Diner, checke die Bedienung: sie hält, was ich mir versprach. Ganz genau, ganz geschmackvoll. Sie notiert meine Bestellung, gönnt mir einen Blick und verschwindet hinter …und zack, ich unterlaufe meine Stadt gern - sie ist so... große Städte bieten einfach alles. Und größer. Big S*x. Big Fressen. Big Blicke. Big medizinische Versorgung. Big Beleuchtung. Big Five. Big Business: „Brot“ für Bäckerladen. „Cottonmilk“ für Jeansgeschäft, „Uncut“ für Frisörgeschäft. „Big Five“ für Spezialgeschäft für sehr wenige, sehr wichtige Dinge.
Sie bringt mir Kaffee...Kaffee ist für mich sehr wichtig. Gibt mir Halt, ohne mich zu nerven...der erste Schluck ist gut, ich hatte recht.
Ich schaue aus dem Fenster: mein neuer Morgen brandneu. Menschen verlassen ihre Räume, um zu den Dingen zu gelangen, die sie brauchen, die sie müssen, die sie wollen, die sie vergessen, die sie vermissen, die sie begehren, die sie ablenken. Ihr Gehen und Eilen, ihr Schlendern, ihr Fühlen, ihr Verachten, ihre Passion-alles tragen sie mit zu den Dingen. Oder nehmen es den Dingen, so dass sie Tag für Tag immer weniger mit den Dingen zu tun haben, oder sie kennen. Oder sie verachten oder sie schultern oder sie vergessen. All das hält sie bei den Dingen oder stößt sie ab oder löst sie von den Dingen oder die Dinge selbst lösen sich von ihnen oder lassen sich von anderen Menschen als Dinge erkennen und sich von diesen verführen oder verbrauchen. Alle bedenklichen Worte in einem Satz. NOCH DA?
Kleine graue Businessbauern beim frühmorgendlichen „den Abend ersehnen“. In der großen Stadt sind die Menschen näher dran Dinge zu sein als anderswo.
Alles Mehr in mehr Variationen, alles Weniger in mehr Variationen.
Ablenkungen und Konzentriertheiten, Katarsen und Kontemplationen, Katatonien in allen Graustufen im Ausklang der Nächte. Tage lauern den Nächten auf, opfern sie für Träume, Sehnsüchte, Gewissheiten. Nächte erlegen Tage für menschlich aufblühende Früchte.
Zorn und Abbitte. Vergebung und Schuld. Jenseits und Diesseits. Lustprinzip und Triebabfuhr. Sechs Zylinder vs. acht Zylinder. Adresse vs. Adresse. Herkunft vs. Herkunft. Die Essenz meiner Jahre in Städten: von New York bis Z; meiner Jahre mit allen Menschen, allen Zweisamkeiten, allen Einsamkeiten, allen Summen der inneren Mathematik.
Zwischen meine Gedanken passt nur noch die scharfe Bedienung mit meinem Frühstück. Ich schweige und genieße. Bezahle, verlasse das Diner. Es wird Zeit meine Handlung voranzutreiben.
Ich gehe zügig, überhole die meisten. Nur die totalen Büroarschkriecher sind noch schneller als ich. Zwei Ecken bis zur S-Bahn-Station, ein Ticket lösen, ein paar Minuten auf dem Bahnsteig. Die S-Bahn rauscht aus Norden heran, quietscht, wackelt. Ich nehme Platz, vor mir eine Leinwand voller Erwartungen auf das, was kommt. Die Sonne hat sich gut blauen Himmel erstritten. Ihre Strahlen durchstreifen die Waggons wie Fächer aus Lichtstaub.
Die sich selbst überdrüssige S-Bahn-Bruchbude hält irgendwann…aber gerne doch steige ich aus diesem miesen Vieh aus. Ich gehe eilig die Stationsstufen hinunter, keine Zeit mehr für die Menschen und ihre Räume, für diesen gütigen Sonnenton und die grobe Schönheit der Stadt.
Ich bin jetzt sehr konzentriert unterwegs; geduldig wie ein fürchterliches Tier, fixiert und kontrolliert. Noch zwei Blocks, dann bin ich da - nach einem Jahr, sieben Monaten, sieben Tagen, und sieben Irgendwas bin ich endlich angekommen.
Ich stehe vor der Klingelkaskade eines Zehngeschossers. Mein Finger gleitet über die abgegriffenen Tasten. 10.12 Uhr - ich habe gefunden was ich suchte: Wagner.
Wagner: fuhr mit seinem Ampelfreund ein Autorennen in der Stadt, wie im faden Film; Start einer Mechanik dummer, innerer Selfies: falsches Lächeln über falschem Licht. Aktion und Dynamik: hochtraumtheoretisch und weit ab des eigenen Könnens. Die Ampel gibt frei, das Rennen beginnt. Die gute Laune hält nicht lang an, schon in der ersten Kurve ist meine Frau im Weg. Wird auf die entgegengesetzte Fahrbahn geschleudert wie die letzte Puppe einer gelungenen Kindheit; Hören und Sehen vergehen ihr für immer. Nicht mehr wiederzuerkennen, nicht mit größter Mühe. Größter Schmerz so groß. Zur falschen Zeit am falschen Ort: Herz blockt, Herz steint. 30. September 10.17 Uhr. Dann, damals: guter Anwalt, schwacher Richter. So sieht’s aus. Dann, jetzt: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort: 30. September 10.13 Uhr.
Ich läute bei Leuten. Hallo? Hallo? Hallo? Ich sage: „Ich bin‘s“... die meisten Penner haben immer irgendeinen „Ich bin‘s“ in ihrem Leben. Irgendein Reflex ist immer schneller als irgendein Verstand. Die Tür öffnet, ich trete ein, wickle das Messer vom Arm und streife Hemd und Jackett wieder in Form. Linke Hand: messerscharf wild. Ich schließe die Augen halte einige Sekunden inne. …An.
Stufe für Stufe, die Waffe in meiner Rechten, dass Messer im Blut die Treppe hinauf. Stufe für Stufe. Ganz mit meiner Natur, ganz frei, ganz hier. Ich habe den klarsten Moment seit Beginn ihres Endes. Ich setze an zum Sprung. Nehme nur noch binär wahr: An. Aus. An. Aus. Stufe für Stufe. Ich stehe vor der Tür, krame in meiner Anzugtasche nach der Packung Cyanid, öffne sie und knalle sie mir ohne Zögern rein; tödliche, valide Dinger. An. Aus. Unsere Zeit läuft ...Hasardspiel: entweder ist er da oder nicht...entweder macht er auf oder nicht, seine Chancen stehen wesentlich besser als die meiner Frau. Sagen wir, es ist ein holpriger Coinflip. Ich läute. An. Aus. Ich lausche. An. Aus. Schritte hinter der Tür. ...Aus.
Wagner öffnet die Tür, schaut in den Lauf meiner Knarre, dann in meine Augen.
10.17 Uhr. Wir beide wissen: Da kommt kein Zauberer.
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